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Warum wir unten ohne leben…

… und Horst schuld ist. Irgendwie.

„Watt? Laminat brauchta? Horst. Hömma, der Horst, der macht datt. Der is mein ältester Kumpel. Der kann datt. Der macht datt“, sagte der Onkel.

Und den Onkel stößt man schließlich nicht vor den Kopf. Seinen ältesten Kumpel ablehnen? Neiiiin, das geht nicht. Dann wäre ja der Onkel böse und Horst beleidigt. Hinterher wäre noch das ganze Dorf schlecht auf uns zu sprechen! Und außerdem: Das gehört sich nicht.

Horst nagelt mit Schrauben

Nun ja, der Host hat es dann halt gemacht. Das Laminat samt Fußleisten verlegt. Unglücklicherweise nicht ganz so, wie wir es uns vorgestellt hatten.

Das Laminat quietscht an einigen Stellen, die Fußleisten – ernsthaft, guckt sich irgendjemand die Fußleisten genau an bei der Abnahme? – sind nicht die, die wir bezahlt hatten. Horst hat definitiv Fußleisten im Baumarkt gekauft. Die Rechnung dafür habe ich selbst gesehen. Und bezahlt. Nur verkauft sicher kein Baumarkt gebrauchte Fußleisten. Höchstwahrscheinlich hat Horst nun aber in seinem eigenen Haus ganz schicke neue Fußleisten.

Noch dazu hat Horst diese Leisten mit Holzschrauben in die Wände genagelt. Mit Schrauben genagelt? Ja, mit Schrauben genagelt! In die Wände! Die in dieser Wohnung so porös sind, besonders untenrum, dass sie schon bröseln wenn man nur leicht an der Tapete zupft.

Es guckt sich weg

Und als dann eines schönen Tages Baby-Locke eine der Leisten abnahm, und damit freudig quietschend herumwedelte – die Schrauben steckten noch drin – reichte es uns. Die Fußleisten kamen weg. Im Wohnzimmer und, wo wir schon dabei waren, auch gleich in Schlafzimmer und Flur.

Ja, verflucht und irgendwie blieb das dann so.

Wir leben bis heute unten ohne. Sieht nicht schön aus, aber es guckt sich halt weg. Regelmäßig sage ich zu meinem Mann „Du, wir haben immer noch keine Fußleisten!“, und dann beschließen wir gemeinsam, am Wochenende zum Baumarkt zu fahren und welche zu kaufen. Wir vergessen das bis zum Wochenende allerdings auch gemeinsam wieder.

Jedenfalls ist Horst irgendwie mit daran schuld, dass wir keine Fußleisten haben. Grund genug, Horst für immer aus unserer Dienstleister-Kartei zu verbannen. Wirklich? Weit gefehlt! Jeder kriegt hier eine zweite Chance. Horst durfte nochmal ran und einen Schuppen bauen.

Ein echter Luxusschuppen

„Watt? Nen Schuppen brauchta? Horst. Hömma, der Horst, der macht datt. Der is mein ältester Kumpel. Der kann datt. Der macht datt.“, sagte der Onkel.

Und ihr wisst ja: Den Onkel stößt man nicht vor den Kopf, nur, weil man lieber einen echten Profi gehabt hätte. „Der Horst, der is auch Profi. Der ist genauso’nen Profi wie jeden anderen Bauunternehmer*. Da kannste jeden fragen! Jeden!“ Nun gut. Also durfte Profi-Horst noch einmal ran.

Ein Schuppen sollte es werden. Ein Geräteschuppen. Solide und gerade, das waren so die Anforderungen. Für Geräte halt. Und Horst baute. Horst brauchte das Dreifache der veranschlagten Zeit und noch ein wenig länger. Leider brauchte er auch das Dreifache des veranschlagten Geldes. Und noch ein bisschen mehr.

Dafür haben wir aber einen Schuppen bekommen, der die Ewigkeit überdauern wird. Wenn wir mal nicht mehr sind – der Schuppen wird noch stehen. Wenn es irgendwann keine Menschen mehr gibt – der Schuppen wird noch stehen.

Horst kommt nicht mehr

Der Schuppen ist kein Schuppen, er ist eine Festung. Er ist einbruch- und sturmsicher. Wir überlegen, ihn als Schutzraum zu nutzten, wenn mal ein Tornado oder Orkanüber uns hereinbricht. So gut Horst hier auch gearbeitet hat: Es war nicht das, was er machen sollte. Es sollte ein Geräteschuppen werden, kein Luxus-Bunker.

Aber gut, ist halt Horst.

Als es dann darum ging, ein neues Projekt zu beginnen, nämlich im Kinderzimmer eine Holzdecke einzuziehen, war für Freunde und Familie klar: Ein Fall für Horst!

„Nein, Horst kommt nicht mehr!“, sagte ich.

„Isser tot?“, entsetztes Luftholen in der Runde.

„Nein“, sagte ich. „Horst kommt einfach nicht mehr. Horst hat uns mit den Fußleisten beschissen. Und Horst hat unser Schuppen-Projekt wirklich ausufern lassen. Nein, Freunde, Horst darf in Zukunft gern woanders werkeln, aber nicht mehr hier.“

Ich traf auf pures Entsetzen. „Aber, was ist mit dem Onkel?!“

„Der darf noch kommen.“

„Nein, ich meine, der Horst! Der ist doch sein Freund.“

„Ja, und? Sein Freund, meiner nicht. Ganz bestimmt sogar nicht!“

„Ja, aber, das ist der Freund vom Onkel. Der muss das machen. Das gehört sich einfach so!“

Projekt „Haus“ wird horstfrei…

Ich blieb hart. Horst hatte unsere Geduld überstrapaziert. Ich werde Arbeiten demnächst lieber von Handwerkern ausführen lassen, die keine Verbrüderung mit Familienmitgliedern pflegen, denn dann kritisiert es sich leichter, jedenfalls für mich.

In diesem Jahr steht das große Projekt „Haus“ an – ich bin gespannt!

Fußleisten haben wir hier übrigens immer noch nicht…

*So sprichse bei uns aufm Doaf im Ruagebiet – machse nix!

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Der kleine Superheld: Wofür ich dankbar bin

Der Welttag der Dankbarkeit ist in jedem Jahr am 21. September. Es ist der Geburtstag von „Herzi“, meiner Herznichte und der wahrscheinlich Zukünftigen des Zwockels – die beiden lieben sich.

Es gibt Vieles, für das ich dankbar bin. Dass wir ein Dach über dem Kopf haben. Eine Wohnung, die – wenn auch klein – ausreichend für uns vier ist. Essen auf dem Tisch (trotz „Mag-ich-nicht!“ und „Ess-ich-nicht!“). Ich bin dankbar, dass ich ein Auto habe (hat mir mein Papa gekauft). Ich bin dankbar, dass ich einen Job habe, und meine Arbeitszeit relativ frei einteilen kann (auch wenn mir das schwer fällt und ich viel mehr arbeite, als ich eigentlich möchte). Dankbar für den tollen Kindergarten mit den wirklich wunderbaren Erzieherinnen.

Ich bin dankbar für die Wäscheberge, denn sie sind ein Symbol dafür, wie gut es uns geht. Wir haben nicht nur etwas zum Anziehen für jeden Tag, sondern auch für den nächsten und nächsten und könnten mehrmals am Tag die Kleidung wechseln, ohne am wieder nächsten Tag auf einmal nackig dazustehen.

Lärm, Geschrei und Bastelei

Ich bin dankbar für Lärm und Geschrei, für die Trotz- und Tobsuchtsanfälle, die mir momentan grad die Nerven rauben – denn sie zeigen, dass meine Kinder lebendig, gesund und willensstark sind. Und alles andere als bequeme kleine Ja-Sager. Auch wenn das einfacher wäre.

Ich bin dankbar, dass die Großeltern der Kinder so viel und gerne Zeit mit ihnen verbringen. Und ihnen so viel beibringen! Meine Schwiegereltern malen und basteln mit den Kindern, gehen mit ihnen schwimmen und fahren Rad mit ihnen – alles Dinge, die eigentlich meine – unsere – Aufgabe wären. Aber ich schaffe es nicht. Mein Schwiegervater hat mit Locke eine Lernuhr gebastelt, die der Große nun seit Tagen mit sich herumschleppt und die Uhrzeiten lernt.

Das wäre meine Aufgabe als Mutter gewesen, die mit ihm zu basteln. Tausend gespeicherte Pinterest-Ideen und Screenshots zeugen von meinem guten Willen. Aber ich beschwere mich nicht und bin glücklich, dass sie es übernommen haben.

Dankbarkeit - Locke und Opa haben eine Lernuhr gebastelt.

Locke und Opa haben eine Lernuhr gebastelt

Der kleine Superheld

Auch wenn ich nicht immer und ständig die Dankbarkeit raushängen lasse, so bin ich es doch. Dankbarkeit ist wichtig. So ein kleines Wort, mit so großer Wirkung. Einer meiner ersten Blogartikel handelte von Dankbarkeit – von dem kleinen Wort, dass so vielen Menschen so viel bedeutet.

Immer wieder beschweren sich die Leute über die Welt draußen, die schlechten Manieren, die Unhöflichkeit. Kann man machen – aber trotzdem hält mich das nicht davon ab, mich zu bedanken. Immer und ständig. Bei der Verkäuferin, die mir die Brötchen verkauft, bei der Kassiererin, die mir einen schönen Tag wünscht (gebetsmühlenartig in denselben Worten, wie dem Kunden vor mir), bei meinem Mann, der mir einen heißen Glühwein reicht, weil ich mal wieder nicht warm werde (natürlich nicht nur dafür).

Ich finde, ein so kleines Wort zu sagen, tut nicht weh – kann aber jemand anderem den ganzen Tag retten. „Danke“ ist quasi ein kleiner Superheld.

Wofür ich jeden Tag dankbar bin

Wenn der Tag ausklingt – meist war er anstrengend und mein Kopf ist müde und ich bin sogar zu müde zum sprechen – die Kinder im Bett sind und ich Nachrichten-Getöse und Smartphone endlich ausschalten kann, wenn die Dunkelheit kommt und den schäbigen Tag ausblendet, wenn endlich Ruhe einkehrt, dann bin ich dankbar.

Jeden Abend, kurz vor dem Einschlafen, sage ich Danke.

Und zwar dafür, dass meine Kinder gesund und heile in ihren Betten liegen. Dass sie sich nicht schlimm gestoßen haben, dass sie sich nichts gebrochen haben, dass wir die Erbsen wieder vollzählig aus der Nase herausbekommen haben, dass die Beule an der Stirn gar nicht so schlimm ist, wie zunächst angenommen. Dass die Windel voll war (die Verdauung funktioniert \o/) und das Bäuerchen kräftig (satt ist er!).

Dass noch alle zehn Finger und Zehen da sind. Dass meine Kinder hier bei mir und meinem Mann sind. Dass wir alle vier zusammen sind, in unserer kleinen Wohnung – mit unseren Alltagssorgen, die zum Glück nur das sind: Alltagssorgen.

Ich bin dankbar. Für alles. Es geht uns gut, und das weiß ich. Danke dafür.

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Ein Brief an die Frau, die ich war, bevor ich Kinder hatte

Eine späte Selbstkritik

Liebes früheres Ich,

kerr mann, ey. Was warst du ignorant. Und arrogant. Und kurzsichtig – und damit mein ich nicht deine Augen! Gut, du konntest es vielleicht nicht besser wissen. Du warst ja schließlich noch keine Mama.

Aber weißt du, während sich alle Welt über Mansplaining aufregt, ist das, was du getan hast, nicht viel besser. Nur muss es Momsplaining heißen.

Würde, täte, könnte

„Also, ich hab ja keine Kinder, aber…“ wie oft hab ich dich das sagen hören! Ich würde dies, ich täte das und jenes auf keinen Fall. Kinder zum Beispiel, die im Supermarkt kreischen und brüllen, wenn du nach einem harten Tag auf der Arbeit an der Kasse standest und einfach nur fertig warst! Kann man die nicht erziehen? Heute würde ich dir sagen: Sei froh, dass du gleich raus bist aus dem Laden, die arme Mama muss die wütende Brut noch den ganzen Abend ertragen.

Diese abgrundtiefe Müdigkeit, die nie so ganz verschwindet, hast du Gern-und Vielschläferin nicht gekannt. Die Geräuschkulisse aus kreischenden Kindern, bimmelnden, klingelnden, piepsenden, pupsenden und trötenden Spielzeugen, die langsam oder sicher den Geduldsfaden – auch den aus härtestem Kruppstahl – durchnagen. Die Nerven, die mit der Endlosschleife aus „Sind-wir-schon-da“, „Mama-weißt-du-wahaaas“ oder „Warum?“ wundgefragt werden.

Zwei Kinder sind keine Baustelle

Mein neues Ich mit Soße auf dem Kopf

Das neue Ich hat manchmal Soße auf dem Kopf.

Du kanntest Lärm und nervige Kollegen.

Natürlich, Baustelle ist auch kein Wellnesstempel. „Wenn ich ne Baustelle mit 120 Mitarbeitern – davon 80 Japaner – gewuppt kriege, werden zwei Kinder doch wohl ein Klacks sein!“ Ganz besonders an den Spruch erinnere ich mich täglich. Ach, Frollein, du hattest echt die Weisheit mit Löffeln gefressen.

Oder diese ganzen anderen Vorurteile!

Wie läuft die denn rum? Also bitte! Totale Selbstaufgabe, oder was?! Warum laufen Mütter kleiner Kinder ständig mit angesabberter oder bespuckter Kleidung rum? Kann man sich nicht wenigstens wenn man aus dem Haus geht was Sauberes anziehen?

Nun, meine Liebe, Stichwort Sisyphos! Weil einfach alles besabbert und bespuckt wird. Egal, was du anziehst, in Nullkommanix ist ein Fleck drauf. Und wenn es kein Sabber oder Milchspuck ist, ist es ein durchgekauter Keks, ein Popel oder irgendein Schmutz von irgendwoher. Und selbst wenn der Schrank noch was hergibt: Wozu? Es wird ja eh wieder dreckig.

Vom Warum-Marathon

Wie kann man bitte von seinem Kind genervt sein? Wie kann man seine neugierigen „Warum“-Fragen mit „Darum“ oder „Weil das so ist!“ beantworten? Wie respektlos! Eine Mutter, die ihre Kinder anschreit? Überfordert – ü-ber-for-dert, sag ich!

Ja, nee, is klar. Weißt du, nach dem drölfzigtausendsten Warum bekommt jedes Mutterhirn einen Knoten. Denn nicht immer ergeben die Warum-Fragen Sinn, nicht immer gibt es eine sinnvolle Antwort. Und in der Frage-Phase kann es mitunter vorkommen, dass man den Warum-Marathon an drei Tagen hintereinander spielt – gefühlt ohne Pause. Das kommt schon einer Foltermethode gleich.

Überforderte Mütter?

Und weißt du, die Sache mit der Überforderung: Keine Mama steht auf und denkt sich „Hey, heute ist der perfekte Tag, um die Kids mal so richtig anzuschreien! Harr-harr! Denen geb ich!

Keiner weiß, das wievielte Mal Mama nun schon etwas wiederholen muss. Keiner weiß, wie wenig sie geschlafen hat, wie dünn die Nerven sind. Keiner weiß, ob sie Sorgen hat, die die liebende, geduldige Mutter in ihr gerade in die Ecke drängen. Keiner weiß, wie viel Arbeit sie hinter sich und noch vor sich hat. Und auch als Mama sind 24 Stunden oft viel zu wenig Zeit, sich wirklich um alles zu kümmern. Besonders, wenn man arbeiten muss.

Ist eine Mama, die ihre Kinder anschreit, überfordert? Ja, klar. So wie jeder von uns mal mit der einen oder anderen Situation überfordert ist. Klar, Kinder anschreien ist nie gut, sollte auch nicht ständig geschehen – und dann gibt es noch anschreien und anschreien. Trotzdem sind Mütter – man glaubt es kaum – Menschen. Und die haben manchmal ganz dünne Geduldsfäden.

Erziehung? Kann ich!

Kinder die sich auf den Boden werfen, wenn sie ihren Willen nicht bekommen… Muss das sein? Schon mal was von Erziehung gehört?

Oh ja, liebes früheres Ich! Das habe ich tatsächlich auch noch nach dem ersten Kind gesagt. Denn Locke hat sich nie auf den Boden geworfen. Klar, auch der hat mal Wutanfälle – kein Zorn ist so groß wie der eines Kleinkindes – oh, einmal, da hat er sich hingeworfen, Gesicht nach unten, und den Schnee angeschrien. Er durfte die völlig vereiste Rutsche nicht herunterrutschen. Aber im Supermarkt oder in der Stadt? NIE. Macht meiner nicht. Erziehung? Kann ich!

Brief an mein früheres Ich - Wutanfall Kleinkind

Und dann kam Zwockel. Der kann sich das mit dem Hinwerfen nie abgeschaut haben, denn wir haben mit ihm nie ein Kind gesehen, das das machte und auch der große Bruder – wie gesagt – tut das nicht. Aber Zwockel. Der legt einen lehrbuchreifen Tobsuchtsanfall im Laden hin. Nur, weil er nicht mit Weichspüler oder Konserven werfen darf.

Inzwischen seh ich das positiv. Immerhin werfen sich 50% meiner Kinder nicht vor Wut auf den Boden! Die Quote kann sich sehen lassen.

Hättest du das Abenteuer Kind gewagt, früheres Ich?

Liebes früheres Ich, wenn du das alles vorher gewusst hättest, hättest du dann Kinder bekommen?

Wenn du gewusst hättest, welch extreme Ausmaße Müdigkeit annehmen kann? Dass du deine Zuverlässigkeit verlierst und ständig alles vergisst? Wenn du geahnt hättest, wie sehr du dich manchmal nach der „Stille“ der Großbaustelle zurücksehen würdest? Wenn du gesehen hättest, wie es hinter der Fassade von so einigen ach so glücklichen Müttern aussieht? Die Einsamkeit, der Stress, der Schlafenzug, die ganze Sisiphos-Arbeit? Wie extrem die Angst sein kann, die man spürt, wenn dem Kind etwas zustößt, es schwer erkrankt oder irgendwie bedroht wird?

Aber hey, weißt du. Das ist nicht alles! Denn das Schöne wiegt es tatsächlich auf!

Du hattest bis dahin nämlich auch keine Ahnung, wie tief Liebe gehen kann. Wie man sich einem kleinen Wesen, das locker in eine Armbeuge passt, völlig verschreiben kann. Sie geben einem tatsächlich so viel zurück!

Danke, liebes unwissendes, altes, ausgeschlafenes Ich

Wie schön es ist, eine kleine Hand in meiner zu halten! Wie wundervoll, wenn mir nachts unvermittelt ein „Ich hab dich lieb!“ ins Ohr geflüstert wird. Wenn mir kleine speckige Ärmchen um den Hals gelegt werden, die sabberigen Schmatzer, das unbeholfene Streicheln, das die mühevoll in Ordnung gebrachten Haare in Nullkommanix zerstört und mich aussehen lässt, als hätten zumindest meine Haare die Nacht unter der Brücke verbracht. Talking about Sisyphos!

Nein, du hast keine Ahnung, wie wunderschön es ist, eine Mama zu sein. Du wirst ein völlig neuer Mensch, genauso neu geboren, wie dein Kind.

Liebes früheres Ich, ich bin jeden Tag dankbar, dass du das Abenteuer Kind gewagt hast.

Kurze Notiz am Rande: Die Autokorrektur schlug mir statt „angesabbert“ das Wort „angezaubert“ vor. Und wenn man es so sieht, ist die Sache mit den schmutzigen Pullis gar nicht mehr so schlimm…

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Die nichtexistente Metzgerei (1. Akt)

Es war einmal – im Jahr 2002. Ich war süße 22 Jahre alt und noch lange nicht Mama. Was hat dieser Text also hier zu suchen? Diese Erfahrung hat mich geprägt. Meine Probleme mit diesem allseits bekannten Telekommunikationsunternehmen – nennen wir es die ROSAcom – bereichern seit jeher unsere Anekdotenkiste. Freunde und Familie kennen die Story bereits zur genüge. Es ist ein Stück in mehreren Akten – hier ist der erste:

Von einer Metzgerei, die es niemals gab – und irgendwie doch…

Ich war, wie erwähnt, 22 Jahre alt und zog ich zwecks Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin nach Dortmund. Ich bezog dort zur Miete eine kleine Wohnung in einem wunderschönen Szeneviertel und wollte natürlich gern einen Telefonanschluss und Internet haben. Gesagt getan, ich beantragte dieses bei einem sehr bekannten Telekommunikationsunternehmen.

Es kam ein Techniker, installierte die notwendigen Geräte, ich kaufte ein billiges Telefon, einen Computer und alles war, wie es sein sollte. Dachte ich. Weit gefehlt. Sehr weit.

Metzger? Gibbet nich!

Mein Telefon hatte einen Anrufbeantworter und immer wieder bekam ich Anrufe von Leuten, die sich als Fleischerei-Fachverkäuferin bewarben, 300 kleine Schnitzel für den Firmenempfang der Kanzlei Dideldum oder Spanferkel für den 80. Geburtstag von Opa Willibald bestellten und soweiter und so fort.

Anfangs dachte ich „Verwählt. Oder Zahlendreher.“ So um den 100. Anruf und die zehnte Beschwerde, dass der Metzger (der durch eklatante Nichtexistenz glänzte) nie zurückrufe und man sein Spanferkel zukünftig bei der Konkurrenz zu kaufen gedenke, dämmerte mir allerdings, dass so viele Menschen nicht irren konnten.

Ich nahm mir das Telefonbuch und schaute unter dem oft genannten – und viel öfter geschimpften – Namen der Metzgerei nach. Und tatsächlich. Die dort abgedruckte Nummer war – meine.

Schluck. Wie jetzt? Die Metzgerei befand sich in derselben Straße, ich ging hinüber und nahm mir einen „Wir liefern jetzt auch für Ihre Party!“-Flyer mit. Schwarz auf weiß. Meine Telefonnummer.

Soviel zur Geheimnummer

Ein Blick in die Gelben Seiten ließ mich noch blasser werden: Dort, in der Rubrik „Metzgereien“ standen mein Name, meine Adresse, meine Telefonnummer. Das wäre vielleicht noch verzeihlich gewesen, hätte ich nicht, aufgrund eines gruseligen Ex-Freundes, eine Geheimnummer beantragt. Ich ging ins Internet. Auch da, bei den Online Gelben Seiten. Mein Name. Meine Metzgerei. Ich googelte meinen Namen. Gleiches Ergebnis. „So viel dann also zur Geheimnummer!“ dachte ich.

Die Metzgerei übrigens hatte sich gewundert, dass sie keine Anrufe, keine telefonischen Bestellungen mehr erhalten hatten. Man hatte ihnen ihre – seit Jahren gültige – Nummer einfach abgeklemmt. Die hatte dann wohl ich.

Ich machte mich auf zum Service – ich muss beim Wort Service in Verbindung mit diesem Unternehmen immer noch lachen – also, zum Service-Punkt der ROSAcom mit dem schönen Jingle „Didididi-DING“.

Metzgerei Telefon

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Das kann nicht sein

Ich stand in einer langen Schlange und als ich endlich an der Reihe war – bewaffnet mit meinen Gelben Seiten und einem Ausdruck der Online-Version – stand vor mir ein zweifelhaft netter, dafür aber umso arroganterer, Mitarbeiter namens Carlo von Irgendwas. Er sah in der Tat ein wenig aus wie Kater Carlo, den so manch einer noch aus den Micky Maus-Comics kennt. Genauso unsympathisch jedenfalls.

„Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?“ Miau.

„Guten! Also… ich habe da ein Problem. Ich stehe in den Gelben Seiten, hatte aber eine Geheimnummer beantr…“

„Warum beantragen Sie denn eine Geheimnummer und lassen sich dann in die Gelben Seiten eintragen?“ Ei fein! Ein Schlaumeier.

„Ja, also, das ist es ja. Ich habe mich gar nicht eintragen lassen. Ich stehe hier unter Metz…“

„Wenn Sie sich nicht haben eintragen lassen, stehen Sie auch nicht drin.Oh ja, das dachte ich auch immer, naives Kind, ich!

„Ähm. Aber hier steht es. Schwarz auf gelb!“

„Ja, dann haben Sie sich auch eintragen lassen!“

„Ähm. Nein, sehen Sie, ich habe gar keine Metz…“

„Junge Frau. Man steht nicht einfach so in den Gelben Seiten.“ Ah. Na, was du nicht sagst! „Dafür muss man einen Antrag ausfüllen. Und Geld bezahlen.“ Der Ton wurde leicht gönnerhaft und er sprach sehr langsam, so wie man es macht, wenn man mit sehr, sehr alten oder sehr, sehr begriffsstutzigen Menschen spricht.

„Ich habe aber keinen Antrag ausgefüllt. Ich habe nämlich gar keine M…“

„Ja, dann ist doch alles paletti… Dann stehen Sie auch nicht drin!“ Was du nicht sa-haaagst!

„Aber hier steh ich drin!“

„Dann haben Sie auch den Antrag ausgefüllt!“ Okay. Durchatmen. Einatmen. Ausatmen.

Jetzt war ich an der Reihe, betont langsam und deutlich zu sprechen.

„Ich. Habe. Keinen. Antrag. Ausgefüllt. Ich stehe trotzdem in den Gelben Seiten.“

„Das kann nicht sein!“

Das sollte mein Lieblingsspruch werden.

„Aber hier steht’s doch!“

„Dann haben Sie auch den Antrag ausgefüllt!“

„Nein!“

„Doch!“

„Nei-hiiin.“

„Dann stehen Sie auch nicht…“ Freundchen, willst du mich verarschen?!

Der Nächste, bitte!

Die Leute hinter mir in der Schlange waren mittlerweile sehr still geworden und verfolgten meinen Auftritt gebannt.

„Nochmal. Zum Mitschreiben: Ich habe keinen Antrag ausgefüllt. Ich stehe trotzdem in den Gelben Seiten. Zumindest aus den Online-Gelben-Seiten will ich sofort gelöscht werden. Und eine neue Telefonnummer will ich auch. Ich habe nämlich gar keine Me…“

„Junge Frau. Das kann doch gar nicht sein. Wenn Sie in den Gelben Seiten stehen, haben Sie auch den Antrag ausgefüllt.“

„Junger Mann…“ Arschpillemannsausack, blöder! „Hab. Ich. Nicht.“

„Haben Sie es vielleicht vergessen?“ Jetzt reichts!

ABER ICH HABE GAR KEINE METZGEREI!!!“ schrie ich völlig entnervt, in Manier eines damals noch bekannten autolosen Werbe-Italieners.

„Ja. Ist doch prima, dann können Sie ja auch nicht da drin stehen! Der Nächste bitte!“

„Aber hier steh ich doch!“

„Der Nächste bitte!“

Die Leute hinter mir erhoben sich vom Boden, auf dem sie sich vor Lachen gewälzt hatten, trockneten die Lachtränen, rückten ihre Brillen zurecht und glätteten ihre Haare… Ich erntete den ein oder anderen mitleidigen Blick.

„Aber… äähh, die Rechnung. Die stimmt auch nicht!“ piepste ich verzweifelt.

„Rechnungsstelle. Rufen sie da an!“ kam es barsch zurück.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Wenn euch dieser Teil gefallen hat – es wird noch besser. Und es ist alles genau so passiert!

Warum ich für einen simplen Telefonanschluss über 1.000 Euro zahlen sollte, mitten am Tag einen Ouzo bekam und was ein Zitronenkritzspringel ist… demnächst hier bei Krümel und Chaos!

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Prost Neujahr. Neujahrsgedanken

Vor einiger Zeit brachte ich einer lieben Freundin Blumen zum Geburtstag. Ich konnte sie ihr nicht persönlich geben, hätte es so gern getan – darum legte ich sie auf ihr Grab. Sie starb, heute vor 14 Jahren, in der Neujahrsnacht bei einem Unfall, der so vermeidbar gewesen wäre.

Hätte sich nicht ein Mensch ans Steuer seines Autos gesetzt, obwohl er Alkohol getrunken hatte. Hätte dieser Mensch bei einem Rennen nicht die Kontrolle über seinen Wagen verloren.

Sie fehlt nach all den Jahren noch immer so sehr.

Damals, als ich Kind war

Sie war 6 Jahre älter als ich, aber von Kleinkindstagen an mein Idol, mein Vorbild und genau so, wie ich immer sein wollte. Ich liebte sie, hab es ihr nie gesagt.

Sie hatte sich schon immer gern um mich gekümmert, hat mich gebabysittet. Hat meine Heimwehanfälle ertragen, wenn ich wieder mal unsere geplante Pyjamaparty platzen ließ, weil mir mein Zuhause (welches unglaubliche 20 Meter entfernt war) so fehlte. Sie hat mich einfach eingepackt und mich mit vielsagendem Blick bei meiner Mutter abgeliefert. Nebenan.

Sie und ich waren in meiner Kindheit ein ziemlich tolles Duo. Sie, die Ältere, und ich, der vorlaute, kleine Pimpf. Sobald im Winter Schnee lag, liefen wir in den Hellweg zum Schlitten fahren. Im Sommer kletterten wir auf Bäume, bevorzugt Apfelbäume auf Schafsweiden mit hungrigen und launischen Schafen, die uns jagten. Im Herbst kletterten wir auf Strohballen und spielten Piraten, wobei der Kirchturm des Nachbardorfes immer das feindliche Piratenschiff war, wir machten Lagerfeuer an denen wir Folienkartoffeln, Maiskolben mit Butter und Würstchen brieten und ließen auf den Stoppelfeldern Drachen steigen. Als Opa starb, gab sie mir Halt.

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So, wie ich immer sein wollte

Wenn ich an sie denke, denke ich in erster Linie an Lachen. Echtes Lachen, aus tiefstem Bauch. Lachtränen und Lachbauchweh. Ihr Humor war legendär. Manchmal gemein, immer etwas schwarz, spontan und manchmal etwas derb. Sie konnte Witze erzählen, Stimmen und Situationen imitieren oder einfach nur trockene Kommentare abgeben, die sich als Prüfung für jedes Zwerchfell erwiesen. Ob beim „Bingo“, beim Alf-Hörspiele rauf-und-runter-hören oder beim Schlitten- und später Fahrradfahren. Als sie mich mit zur Schule nahm, als ich das erste Mal Alkohol trank, beim Ausschachten ihres riesigen Teichs oder bei gelegentlichen Shoppingtouren.

Sie war so, wie ich immer sein wollte. Witzig, laut und frech. Bildschön, blond und blauäugig. Schlau, schlank und schlagfertig. Nicht, dass sie eine von diesen Porzellanpüppchen oder Tussis war. Weit gefehlt, ich habe selten ein Mädchen so fluchen und rülpsen hören – wie ein Bierkutscher. Was hatten wir für einen Spaß! Nein, sie konnte im Garten zupacken und hatte keine Angst, sich auch mal die Finger schmutzig zu machen.

Wiedersehen, auf Wiedersehen

Wir trafen uns am Heiligabend beim Einkaufen. Ganz unverhofft und nach vielen Jahren wieder. Und sofort war es wie früher. In den paar Minuten am Einkaufswagen lachten und gibbelten wir wie damals, als wir Kinder waren. Über Gemüsesülze!

Sie zog wieder her, zurück in die Heimatstadt. Wir wollten einen Kaffee trinken gehen. Ein Stück Kindheit kam zurück.

An Silvester ihre Eltern geherzt und gedrückt, auch die hab ich so lieb.

Wenige Tage danach stand, schon wieder unverhofft, ihre Schwester vor mir. Was sie mit leiser, dunkler Stimme erzählte, zog mir völlig den Boden unter den Füßen weg. Ein Satz nur. Ich sah, wie sie die Lippen bewegte, und hörte die Worte erst mit – gefühlt minutenlanger – Verzögerung.

Sie ist tot.

Mein Mund klappte auf und ließ sich nicht mehr schließen. Mein Magen fuhr Fahrstuhl, in meinen Ohren rauschte es. Mein Gehirn versuchte, diesen Satz zu verstehen und die einzelnen Wörter in einen logischen Zusammenhang zu bringen. Doch es gab keine Logik. Nur die eiskalte, hässliche und brutale Wahrheit. Sie ist tot.

Das Leid der Familie, der Eltern, ist bis heute greifbar und unvergessen. Die Trauer hört nicht auf.

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Niemand ist unbesiegbar, unkaputtbar oder unsterblich.

Sie starb an Neujahr, weil ein Fremder betrunken Auto fuhr. Hier höre ich auf.

Es ist nicht meine Tragödie und ich möchte sie nicht für einen Blogpost ausschlachten, sondern nur für eine Nachricht:

DON’T DRINK AND DRIVE.

Das ist nicht cool, das ist nicht okay, das ist keine Lappalie. Erstaunlich viele Leute sehen es als Kavaliersdelikt. Das ist es nicht. Ihr könnt damit Leben zerstören – wenn nicht euer eigenes, dann das von anderen Menschen. Von Eltern, von Partnern, von Kindern, von Nachbarn und Freunden.

Niemals, wirklich niemals ist es in Ordnung, sich betrunken ans Steuer zu setzen.

Noch nie was passiert? Ist noch immer gut gegangen? Glück gehabt. Einfach nur Scheißglück gehabt.

Ihr seid nicht unbesiegbar. Ihr seid nicht unsterblich. Keiner von uns.

Frohes neues Jahr.

Willkommen bei Krümel und Chaos

„Und, bei dir so?“
„Ach, wie immer. Krümel und Chaos!“

Hey! Das ist ja ein cooler Name! So entstand der Name für diesen Blog. Einen Blog schreiben, das wollten wir schon immer. Unabhängig voneinander – und als wir uns zusammentaten und die Wortgefährten gründeten, reifte dieser Wunsch zur konkreten Idee. Nun ist er Wirklichkeit geworden. Nach monatelanger Vorbereitung ging im September 2016 unser Blog „Krümel und Chaos“ an den Start!

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