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Kri-kri – Der Zitronenspritzkringel (Akt 3)

Erst eine Metzgerei, die es nicht gab, dann eine Rechnung, die es so auch nicht hätte geben dürfen. Um meine Nerven stand es nach diesen Erlebnissen mit einem großen Telekommunikationsunternehmen nicht zum Besten. Die Geschichte zog sich bereits über Wochen hin und ich versuchte telefonisch und schriftlich Hilfe zu bekommen – vergebens. Ich fühlte mich klein, machtlos und ohnmächtig. Auf meine selbstgeschriebene Rechnugn hatte noch niemand reagiert. Kein Rückschein, kein Anruf, keine neue Rechnung. Nichts.

Ausnahmesituation

In Ausnahmesituationen reagiert man ja oft ganz anders, als gewohnt. Wenn man verzweifelt versucht, eine falsche Rechnung ändern zu lassen. Oder nur, von der richtigen Person gehört zu werden…

Nachdem ich zwei Wochen lang fast täglich ergebnislos mit der Rechnungsstelle telefoniert hatte – irgendwann werde ich trotzig – hatten sie mich soweit. Ich war zermürbt.

Eine Freundin war zu Besuch, die mir die ganze Geschichte nicht glaubte.

„Niemals legen die einfach auf! Das kann nicht sein!“ Ach, Liebelein…

„Wetten?“

„Deal!“ Du. Hast. Ja. Keine. Ahnung.

Ich rief an, eine junge Dame meldete sich.

„…und darum hätte ich gern eine neue Rechnung.“

Tuuuut. Tuuuut. Tuuuut. Diesmal mit Lautsprecher. Meine Freundin war überzeugt.

Ich war am Ende. Völlig fertig, zwischen Lachen und Weinen.

„Was du jetzt brauchst, sind unvernünftige, tröstende Kalorien. Geht auf mich!“

Ein Zitronen-biddewas?

Wir betraten die Bäckerei in der Straße, die noch nicht mir gehörte. Ich stellte ernsthafte Überlegungen an, mein Metzgerei-Imperium zu erweitern und auch noch die eine oder andere Bäckerei zu übernehmen. Diversifikation ist alles… Danach die Weltherrschaft – mal überlegen.

Ich sah mir die Teilchen in der Auslage an. Heute war mir nach… einem Zitronenspritzkringel. Mit viel Zuckerguss! Verzweifelte Situationen erfordern verzweifelte Maßnahmen.

Es ist nun so, dass das menschliche Hirn manchmal etwas verzögert und seltsam reagiert. Es war wie in diesen Albträumen, in denen man schreit und macht und tut, in denen man aber nicht gesehen wird. Oder in denen man wegrennen will, aber nur krabbeln kann. Ich kam mir völlig ohnmächtig vor.

Da stand ich, sollte unverschämt viel Geld zahlen, das ich nicht hatte, und noch dazu war die Forderung völlig unberechtigt und ich schimpfte und diskutierte und flehte, aber niemand erhörte mich. Niemand reagierte. Freunde und Verwandte schüttelten nur noch die Köpfe. „Da muss man doch was machen können!“ Ja, nur was?!

Offensichtlich war ich verzweifelter, als ich es selbst mitbekommen hatte.

„Einen Spitronenkritzspringel, bitte.“

„Einen WAS?“ fragte die Bäckereiverkäuferin verdutzt.

Einen SPITRONENKRITZSPRINGEL! VERSTEHT MICH DENN NIEMAND?!!!

Da isser ja, der kleine Wahnsinn!

Und dann ging es los: Ich find an, furchtbar zu weinen. Rotz und Wasser. Verkäuferin und Freundin sahen sich ratlos an, während ich schluchzend im Laden stand.

„Einen… einen.. Kri.. Kri.. Kri… Hihihihi!“

Ich lachte und lachte, bis mir der Bauch wehtat. Da! Jetzt kam er, der Wahnsinn. Sehr, sehr selten erlebt man Situationen, in denen man nur einen Schritt vom Wahnsinn entfernt ist. Manche erleben das nie. Der Wahnsinn stand freundlich winkend neben mir in der Bäckerei und streckte die Arme nach mir aus „Schön, dass du auch da bist! Komm, wir gehen was trinken!“ Äh. Nö. Dann weinte ich wieder, als mir bewusst wurde, was ich für ein bemitleidenswertes Bild abgab.

Hatte ich grade wirklich „Spitronenkritzspringel“ gesagt? Ich lachte wieder. Noch ein bisschen hysterischer diesmal.

Wat hatse denn?

Hilflos sahen sich meine Freundin und die Verkäuferin noch immer an.

„Wat hatse denn?“

T*****m!“

„Ach, die Arme!“

„Kri… Kri… Kri!“ stammelte ich immer noch.

Meine Freundin nahm mich am Arm. „Komm mal mit.“

Wir gingen an die frische Luft, doch die half auch nicht. Eine kleine, blonde Frau und eine größere Brünette mit tränenverschmiertem Make-up gingen langsam über die Straße, die größere von beiden stammelte noch immer leise „Kri, kri, kri.“ vor sich hin. Was für ein Bild.

kri All you need is LOL

Manchmal ist Lachen alles, was du tun kannst. Oder Weinen. Oder beides. (Photo by Kah Lok Leong on Unsplash)

Prost! Auf die Weltherrschaft!

Wir betraten meinen griechischen Lieblings-Imbiss, der auch noch nicht zu meinem Imperium gehörte – aber erstmal die Weltherrschaft, dann der Rest. Kri! Kri! Kri!

Der Grieche hinter der Theke sah erschrocken auf. Er erkannte mich. Peinlich! Schluchzgrins.

„Hallo! Wir hätten gern nen Ouzo für meine Freundin. Aber bitte: Mach schnell!“

„Was hat sie denn?“

„T*****m!“

Geht aufs Haus!“

„Kri, kri, kri – aber, es ist gerade mal zwei Uhr nachmittags!“

„Trink!“ sagte der Grieche.

Kri!“ sagte ich und trank.

 

Hier geht’s zur Vorgeschichte:

Die nichtexistente Metzgerei (1. Akt)

Die Rechnung – oder: Jingle-Gedingel aus der Hölle

Dinner gone wrong – Ein lauschiges Essen am Kamin

Aus der Anekdotenkiste…

Meine Familie hatte sich zum Urlaub an der Nordsee versammelt. Mama, Papa und Klein-Tanja ebenso wie Oma, Opa, Tante und Cousinen. In verschiedenen Ferienhäusern – wir wollten nicht unbedingt zusammen Urlaub machen, aber man traf sich zwischendurch.

Eines Abends wollten wir essen gehen und  probierten mit einem befreundeten Ehepaar, Doro und Dieter, ein neues Restaurant aus. Nicht wirklich neu, aber wir waren noch nie dagewesen, da wir am Urlaubsort unsere „Stamm-Lokale“ hatten. Wir ahnten ja nicht, wie „neu“ die Erfahrung werden würde…

„Wer hat das Eis bestellt?!“

Als wir das Lokal betraten, herrschte eine komische Stimmung. Alle Gespräche verstummten, man starrte uns mit einer Mischung aus Neugierde und Belustigung an. Wir setzten uns an einen großen Tisch und durchforsteten die Speisekarte, bestellten – soweit alles normal. Wir bekamen mit, dass sich einige Gäste beschwerten, man müsse zu lange warten – dass sie bereits mehr als zwei Stunden warteten, erfuhren wir erst später.

Auftritt Kellner. Wie Freddy Frinton schoss dieser in den Gastraum und rief „WerhatdassssEisbestellt?“ Zuerst verstanden wir ihn nicht, er wiederholte „Dasssseis? Keiner?“ und verließ den Raum.

„Hab ich das richtig gesehen? Lag auf dem Eis Petersilie?“, fragte Doro ungläubig in die Runde. Die Nebentische prusteten los.

Auftritt Kellner – die Zweite. Wieder raste er torkelnd in den Gastraum und rief, exakt den gleichen Becher balancierend, „WerhatdenKrabbencocktailbestellt?“

Nun prusteten auch wir, denn der war für Doro.

Während wir auf die Hauptspeise warteten, hatten wir viel (viel, viel, VIEL) Zeit, zu beobachten, was an den anderen Tischen so abging. Da wurde Essen serviert, das niemand bestellt hatte, es war kalt, Pommes noch gefroren… Die Gäste schienen resigniert zu haben und es wurde viel gelacht.

Mikado und kalter Tintenfisch

Wurde Essen serviert, kam eine gespannte Stille über den Raum und alle guckten den hungrigen Gast erwartungsvoll an – was würde jetzt wieder schief gehen? Dieter bekam seinen Schaschlik-Spieß serviert.

Mikado zum essen

Foto: Pixabay (SgH)

Er blickte verschmitzt in die Runde und sagte „Also, wenn da jetzt ein Mikado-Stäbchen drin ist, habt ihr mich aber hier liegen…“ Alle lachten, dann sah der gesamte Gastraum ihm dabei zu, wie er mit seiner Gabel laaangsam das Fleisch vom Stäbchen zog – und zwar VON SEINEM VERDAMMTEN  MIKADO-STÄBCHEN!!! Der Saal explodierte vor Lachen und Dieter wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.

Unzählige Male torkelte indes der Kellner durchs Lokal, servierte er Schnaps stand immer ein überzähliges, leeres Pinnchen auf dem Tablett. Seine Ähnlichkeit mit James von „Dinner for One“ wurde immer frappierender, es fehlte nur noch der Tigerkopf.

Entschuldigung, der Koch ist betrunken!

Die Wirtin versuchte zu retten, was zu retten war und so fand einiges Essen tatsächlich zum richtigen Besteller.

Ihre Erklärung „Entschuldigung, aber mein Koch ist betrunken!“ wurde unisono mit „Dein Kellner auch!“ quittiert. „Jaaa, aber das is der ja immer!“ antwortete sie schulterzuckend.

Als mein Vater, als letzter unserer Runde, endlich seine Calamari Fritti bekam, hatten wir bereits so viel gelacht, dass uns die Bäuche wehtaten. Mein Vater probierte seine Tintenfischringe und verzog angewidert den Mund. „Kalt. Kühlschrank-Kalt. Ich möchte bitte zahlen!“, sagte er zur Wirtin. Die nahm seinen Teller und verließ den Raum.

betrunkener Kellner, essen

Foto: Pixabay (Alexas_Fotos)

Nicht nur betrunken, auch noch groß und stark

Auftritt Koch.

Groß, muskulös und ganz klar voll wie eine Haubitze wankte er mit den kalten Calamari in den Gastraum. „Wo iss der, dem meine Kalllalllamarari nich schmmmeggen? Hmm? Wo isser? Wer will hier nich essen?“

*spielt Western-Duell-Musik ein*

Mein Vater antwortete ruhig „Jo, das wär dann wohl ich!“ und der Raum verfolgte atemlos und gebannt die Situation.

Der Koch stellte den noch vollen Teller vor meinen Vater und krempelte seine Ärmel hoch. Um stehen zu können, stützte er sich auf einem Stuhl ab.

„Wasssisn damit jetzt nich in Ooooordnung, hm? Sinddie nich lecker, odddawas?“

Leicht eingeschüchtert antwortete mein Vater „Nun ja, die sind ziemlich kalt und kalte frittierte Sachen, besonders Calamari, mag ich nicht essen…“

„WILLSUDAMITSAGENICHKANNNICHKOCHENODERWAS?“, lallte es ihm entgegen.

Mein Vater schätzte die Situation ab und besah sich die muskelbepackten Arme des Mannes. Und machte eine Kehrtwende.

„Neiiiiiin, also, niemals!  Würd ich nie sagen! Ich probier nochmal eben, ja? Wow! Ganz toll. Die schmecken gut! Nomnomnom. Siehst du, ich esse ja schon!“, mümmelte er.

Der Koch beugte sich herunter, das Gesicht nur Zentimeter von dem meines verdutzten Vaters entfernt und sah ihm in die Augen. Er schwankte vor ihm hin und her, richtete sich abrupt auf, sprach „Na, dannisssjagut.“ und torkelte zurück in seine Küche.

„Bloß weg hier!“ rief mein Vater, zahlte und wir verließen das lustige Haus.

Ab in die Familien-Anekdoten-Kiste

Draußen angekommen atmeten wir durch.

Was war DAS denn?“, fragten wir uns, als die zweite Tür (der Laden hatte zwei Ein- bzw. Ausgänge, die zu zwei Gasträumen führten) des Restaurants sich öffnete und… mein Opa heraustrat.

Den Krückstock schwingend, den Hut vor Wut ganz schief auf dem Kopf fuchtelte er wild in der Luft herum „Was war das denn? Das war eine Frechheit, war das! Sowas hab ich ja noch nie erlebt!!!“ Ihm nach folgten meine Oma, Tante und Cousinen. Wir standen voreinander auf dem Parkplatz und brachen in schallendes Gelächter aus. Im anderen Gastraum sitzend, hatten sie Ähnliches erlebt wie wir.

Kellner und Koch waren, wie wir hinterher von anderen Gastronomen erfuhren, dafür bekannt, gern mal zu tief uns Glas zu schauen und auch die Wirtin soll das Ganze nüchtern nicht verkraftet haben. In kulinarischer Hinsicht war der Abend alles andere als erfüllend – aber wir möchten ihn nicht missen: Seit nunmehr 24 Jahren erheitert uns die Erinnerung und hat einen Ehrenplatz in der familiären Anekdotenkiste bekommen.