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Eine kleine Geschichte von mir und der Sache mit dem Essen

Wie fang ich an? Ach, einfach Butter bei die Fische: Ich habe einmal 39 Kilo gewogen. Ja, und? Werdet ihr nun sagen. „Ich auch, damals, mit zehn Jahren!“ Ich war da allerdings 19. Ich war magersüchtig. Sieht man heute nicht mehr viel von – und das ist auch gut so.

Das Leben nicht verdient

Ich rede nicht gern über diese Zeit. Aber schreiben, das geht. Es war eine sehr harte, sehr verwirrende und einfach richtig kranke Zeit. Ich sah mich im Spiegel an, kein Gramm Fett – Knochen, die unter der Haut hervorstachen und MEIN GOTT! Ich fand mich so unfassbar fett! So dick! So widerlich! Ein Wal war quasi schlank gegen mich. Ich ekelte mich vor mir selbst und fand, jemand so Fettes habe das Leben gar nicht verdient.

Nicht einmal Wasser erlaubte ich mir: Nach 2-3 Gläsern war Schluss. Ich hatte Angst, es macht dick.

Aus der Nummer wieder rauszukommen war unglaublich schwer. Es hat viele Jahre gedauert. Zu lange, viel zu lange habe ich mich über Knochen und Hungergefühl definiert. Je weiter die Hüftknochen hervorstachen, desto besser war der Tag! Je größer der Hunger, desto stärker fühlte ich mich. By the way: Hunger ist eine Droge, die einen richtigen Rausch verursachen kann.

Am Ende, nach Klinikaufenthalten und Therapien, half alles nichts: Ich musste mich allein am eigenen Schopf aus der selbsteingebrockten Suppe herausziehen, denn erst wenn es im eigenen Kopf „Klick“ macht, schafft man es. Von außen kann man eine Heilung, meiner Meinung nach, nicht erzwingen. Mit unglaublichem Kraftaufwand und natürlich der Unterstützung meiner Familie habe ich es am Ende geschafft.

Die Essstörung geht niemals wirklich weg

Eine Essstörung ist – ohne andere Suchtkrankheiten kleinreden zu wollen – vielleicht die schwierigste aller Süchte. Denn man kann nicht, wie ein Alkoholiker das Suchtmittel aus seinem Leben verbannen. Man kann sich nicht, wie ein Ex-Junkie, von Dealern und Drogen fernhalten. Und ich sage nicht, dass DAS einfach ist. Aber man ist an jedem Tag mit seinem Suchtmittel konfrontiert und muss lernen, es zu dosieren. Egal, ob man mager- oder esssüchtig ist, oder an Bulimie leidet. Man muss jeden Tag mit seinem Suchtmittel leben und es zu sich zu nehmen lernen, in gesunden Mengen.

Bis heute kämpfe ich – je nach Tagesform – mit Rückfällen. Seitdem ich Kinder habe, ist es weniger geworden, ich habe einfach nicht mehr die Zeit, meine Gedanken so sehr ums Thema Essen kreisen zu lassen. Aber auf Stress oder Schicksalsschläge reagiere ich auch heute noch mit Nahrungsverweigerung. Wenn ich die Welt um mich herum nicht kontrollieren kann, muss ich das Essen kontrollieren.

Eher Dackel als Gazelle

Bis heute habe ich kein objektives Verhältnis zu meinem Körper. Ich sehe mich immer viel dicker, als ich bin. Nach zwei Kindern und wenig Sport bin ich wirklich nicht gerade schön. Sowieso bin ich von Natur aus eher Dackel als Gazelle. An guten Tagen stört es mich nicht. An sehr guten Tagen finde ich mich einfach nur toll. An schlechten ist es eine Herausforderung, auch nur die Wohnung zu verlassen.

Früher war ich mehrmals pro Tag auf der Waage – heute verstaubt sie unterm Schrank.

Meistens ruhe ich in mir selbst und bin zufrieden. Mein Mann und meine Kinder, die Menschen, die wirklich wichtig sind, lieben mich so, wie ich bin. Warum sollte ich also anders sein? Wem sonst sollte ich gefallen müssen?

Ich mach dich krass/sexy/schlank/fit

Manchmal schalte ich tagsüber den Fernseher ein. Wenn die Kinder schlafen und ich ein wenig Entspannung brauche, schaue ich gern so [herausforderungsarme] Serien wie „Mein perfektes Hochzeitskleid“. Ich mag Hochzeitskleider.

Aber sobald die Werbung kommt, will Daniel mich krass machen. Detlef will mich sexy machen. Sophia Thiel (wer zu Geier ist Sophia Thiel?!) will, dass ich abnehme und Maria Höfl-Riesch möchte mich fit machen. Selbst meinem Mann fiel das letztens auf und er – schon immer groß und schlank  sagte irritiert: „Was wollen die von mir? Wollen die mich fertig machen?“ Für ihn eher Spaß – aber BÄM – bei mir sind sie dann wieder da: Die Selbstzweifel.

Du bist ok wie du bist, nur zu fett.

Ich sitze beim Frisör und lese Frauenzeitschriften. Vorne: Mode, die keinem passt und die keiner bezahlen kann. Mitte: Du bist okay, so wie du bist. Dahinter: Tipps für mehr Selbstbewusstsein. Dann: Die obligatorischen Diättips – denn eigentlich sind wir ja alle zu dick.

Warum? Was wollt ihr? Ich habe es satt! Ich habe in meinem Leben eine Gewichtsspanne von 90 bis 39 Kilo erlebt. Ich war zu fett, ich war normal, ich war zu dünn. Aber ich war immer ich. Warum schreien alle „Sei wie du bist!“, „Sei du selbst!“ oder „Die inneren Werte zählen!“ und doch können Aminati, Soost & Co. zur besten Nachmittags-Sendezeit für ihre Sport- und Diätprogramme werben und sind damit gewiss erfolgreich.

Ich liebe Essen und hasse Sport

Ich liebe Essen. Essen ist toll. Salat, so leid es mir tut, nicht. Ich liebe kochen und backen und Essengehen ist bis heute eins meiner liebsten Hobbies. Und warum auch nicht? Ich habe es akzeptiert. Das Leben ist zu kurz, um Dinge zu essen, die einen nicht glücklich machen. Knäckebrot, zum Beispiel. Macht Knäckebrot irgendwen glücklich?!

Und. Ich. Hasse. Sport. Nein, ich bin nicht zu faul. Zen Ki Yoga mit Janie, das geht. Das habe ich in Australien jeden Tag gemacht und zwar mit echter Freude. Aber Janie ist in Australien, wenn sie nicht gerade um die Welt jettet.

Als ich damals krank war, war ich jeden Tag im Fitness-Center und habe das eigens für mich zusammengestellte Programm absolviert. Drei Mal hintereinander, manchmal, wenn ich noch stehen konnte, ein viertes. Bis selbst den Trainern auffiel, dass etwas mit mir nicht stimmte. Das war eine die Magersucht ergänzende Sucht und hatte nichts mit Spaß zu tun – denn (ich erwähnte es) ich hasse Sport wirklich.

Jahrelang hab ich es versucht, habe Ausreden gesucht und gefunden – aber die brauche ich gar nicht. Sport ist nicht meins. Punkt.

Danke, ich bin krass genug!

Und wisst ihr was?

Danke, Herr Aminati, ich bin schon krass! Nichts für ungut, Detlef D. Soost, aber ich bin sexy genug, wer das anders sieht, muss jemand anderen ansehen! Sophia Thiel, ich nehm ab, wenn ich da Bock drauf hab – und wenn nicht, ist es auch okay. Maria Dein-Nachname-ist-mir-zu-kompliziert: Ich bin kein Model, aber ich habe zwei Kinder und kaum eine ruhige Minute zuhause – ich BIN fit, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht.

Ich habe 17 Jahre gebraucht, um das zu werden, was ich heute bin. Ich bin eine gute Ehefrau, eine liebende Mama, eine passable Köchin, eine unterstützende Freundin, eine lernende Geschäftsfrau, eine begeisterte Bloggerin, ein Schreiberling. Eine stolze Speckröllchenträgerin.

Und ich bin okay.

Ich bin krass genug. Vielen Dank.