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Ein Tag im September

An einem Tag im September vor 23 Jahren sagte ich meinen Opa, dass ich ihn lieb habe.

Es war ein ganz normaler Tag. Ein wunderschöner Herbsttag, mit Sonne und blauem Himmel. Der Fernsehtechniker war da und kraxelte draußen auf einer Leiter herum.

Wir wohnten in einem Haus. Meine Großeltern unten, meine Eltern und ich oben. Problem: Das offene Treppenhaus. Das sorgte für Spannungen zwischen meinen Eltern und Großeltern. Schwierig, aber nichts Dramatisches.

Die Feiern im Garten

Ich liebte meine Großeltern. Die Küche meiner Oma ist für mich der Inbegriff von Geborgenheit.

Die Feiern im Garten meiner Großeltern, fließend im Übergang zu unserem, in dem gelacht, getrunken wurde. Nein, um ehrlich zu sein, sie haben verdammt nochmal gesoffen! Wie die Löcher, meine Großeltern und ihre Geschwister, auf den Großfamilien-Charakter-Feiern – alle haben getrunken und geraucht, als gäbe es kein Morgen. „Einen trinken wir noch!“, ein Feten-Schlachtruf! Holte Onkel Adolf sein Akkordeon, wurde gesungen und geschunkelt. Bis heute liebe ich Akkordeon-Musik…

Foto: Pixabay (blulightpictures)

Die bunten Glühbirnen entlang der Pergola, der Geruch von Sommer – warme Luft und gegrillte Würstchen – das Blinken der Glühwürmchen. All das war Glück. All das ist Glück und Geborgenheit. Kindheit.

Opa, ich hab dich lieb

Die jäh endete, damals, im September.

An diesem Tag im September ging ich nach unten und setzte mich zu meinem Opa aufs Sofa.

„Was macht der Fernsehtechniker da?“, fragte ich. Und mein Großvater erklärte es mir.

Ich verstand zwar nicht wirklich etwas, nur soviel: Unser Satellitenempfang würde noch besser werden. Ich wollte wieder nach oben gehen, aber etwas hielt mich zurück. Ich drehte mich um und setzte mich wieder zu ihm.

„Opa?“

„Hmm!“, brummte er.

„Ich hab dich lieb.“

„Hmm“, brummte er zustimmend. Er streichelte mir übers Haar, krampfte, lief blau an – und starb fünf Minuten später in den Armen meiner Mutter, nach der ich in Panik gebrüllt hatte.

Der Notarzt belebte ihn wieder, aber er erlangte nie wieder das Bewusstsein. Drei Tage später starb er erneut, im Krankenhaus.

Opa – seit immer

Für meine Oma ging die Welt unter. Ihr Freund aus Kindertagen, ihr Seelengefährte, ihr Ehemann – einfach weg, ohne Abschied.

Meine Großeltern hatten als Kinder in demselben Haus gewohnt. Einem Doppelhaus in einer Bergbau-Siedlung. Sie schliefen Wand an Wand. Abends, kurz vor dem Einschlafen, gaben sie sich zur guten Nacht Klopfzeichen.

Sie kannten sich seit immer. Und auf einmal – von jetzt auf gleich – war er weg.

Ich sah meinen Opa noch einmal, aufgebahrt im Sarg. Aber es war, als sei es eine Wachsfigur. Ich hatte nicht das Gefühl, dass es mein Opa war, der da lag – es war nur eine Hülle. Mein Opa, die Essenz, die ihn ausgemacht hatte, sein Charakter. All das fehlte. Die Seele.

Belsazar und der Hummelflug

Mein Opa. Als Baby hatte ich immer geweint, wenn er meinen Kinderwagen schob. Er hatte sich nie beirren lassen. War nie beleidigt. Später liebte ich ihn so sehr. Wenn er mich den „Panther“ von Rilke abfragte – das einzige Gedicht, das ich bis heute aus dem Stehgreif auswendig kann – oder „Belsazar“ von Heine. Wenn er verzweifelt versuchte, mir seine geliebten Zahlen beizubringen – für die ich nie Verständnis hatte. Wenn er mir den „Hummelflug“ von Rimski-Korsakov vorspielte und dirigierte (fuchtelte), mit geschlossenen Augen.

„Opa?“

„Hmm!“, brummte er.

„Ich hab dich lieb.“

Meine letzten Worte für ihn.

Wir sollten uns immer bewusst sein, dass alles, was wir sagen, die letzten Worte sein könnten. Und sie immer bedenken.

Wählt sie weise und mit Bedacht.