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Eine kleine Geschichte von mir und der Sache mit dem Essen

Wie fang ich an? Ach, einfach Butter bei die Fische: Ich habe einmal 39 Kilo gewogen. Ja, und? Werdet ihr nun sagen. „Ich auch, damals, mit zehn Jahren!“ Ich war da allerdings 19. Ich war magersüchtig. Sieht man heute nicht mehr viel von – und das ist auch gut so.

Das Leben nicht verdient

Ich rede nicht gern über diese Zeit. Aber schreiben, das geht. Es war eine sehr harte, sehr verwirrende und einfach richtig kranke Zeit. Ich sah mich im Spiegel an, kein Gramm Fett – Knochen, die unter der Haut hervorstachen und MEIN GOTT! Ich fand mich so unfassbar fett! So dick! So widerlich! Ein Wal war quasi schlank gegen mich. Ich ekelte mich vor mir selbst und fand, jemand so Fettes habe das Leben gar nicht verdient.

Nicht einmal Wasser erlaubte ich mir: Nach 2-3 Gläsern war Schluss. Ich hatte Angst, es macht dick.

Aus der Nummer wieder rauszukommen war unglaublich schwer. Es hat viele Jahre gedauert. Zu lange, viel zu lange habe ich mich über Knochen und Hungergefühl definiert. Je weiter die Hüftknochen hervorstachen, desto besser war der Tag! Je größer der Hunger, desto stärker fühlte ich mich. By the way: Hunger ist eine Droge, die einen richtigen Rausch verursachen kann.

Am Ende, nach Klinikaufenthalten und Therapien, half alles nichts: Ich musste mich allein am eigenen Schopf aus der selbsteingebrockten Suppe herausziehen, denn erst wenn es im eigenen Kopf „Klick“ macht, schafft man es. Von außen kann man eine Heilung, meiner Meinung nach, nicht erzwingen. Mit unglaublichem Kraftaufwand und natürlich der Unterstützung meiner Familie habe ich es am Ende geschafft.

Die Essstörung geht niemals wirklich weg

Eine Essstörung ist – ohne andere Suchtkrankheiten kleinreden zu wollen – vielleicht die schwierigste aller Süchte. Denn man kann nicht, wie ein Alkoholiker das Suchtmittel aus seinem Leben verbannen. Man kann sich nicht, wie ein Ex-Junkie, von Dealern und Drogen fernhalten. Und ich sage nicht, dass DAS einfach ist. Aber man ist an jedem Tag mit seinem Suchtmittel konfrontiert und muss lernen, es zu dosieren. Egal, ob man mager- oder esssüchtig ist, oder an Bulimie leidet. Man muss jeden Tag mit seinem Suchtmittel leben und es zu sich zu nehmen lernen, in gesunden Mengen.

Bis heute kämpfe ich – je nach Tagesform – mit Rückfällen. Seitdem ich Kinder habe, ist es weniger geworden, ich habe einfach nicht mehr die Zeit, meine Gedanken so sehr ums Thema Essen kreisen zu lassen. Aber auf Stress oder Schicksalsschläge reagiere ich auch heute noch mit Nahrungsverweigerung. Wenn ich die Welt um mich herum nicht kontrollieren kann, muss ich das Essen kontrollieren.

Eher Dackel als Gazelle

Bis heute habe ich kein objektives Verhältnis zu meinem Körper. Ich sehe mich immer viel dicker, als ich bin. Nach zwei Kindern und wenig Sport bin ich wirklich nicht gerade schön. Sowieso bin ich von Natur aus eher Dackel als Gazelle. An guten Tagen stört es mich nicht. An sehr guten Tagen finde ich mich einfach nur toll. An schlechten ist es eine Herausforderung, auch nur die Wohnung zu verlassen.

Früher war ich mehrmals pro Tag auf der Waage – heute verstaubt sie unterm Schrank.

Meistens ruhe ich in mir selbst und bin zufrieden. Mein Mann und meine Kinder, die Menschen, die wirklich wichtig sind, lieben mich so, wie ich bin. Warum sollte ich also anders sein? Wem sonst sollte ich gefallen müssen?

Ich mach dich krass/sexy/schlank/fit

Manchmal schalte ich tagsüber den Fernseher ein. Wenn die Kinder schlafen und ich ein wenig Entspannung brauche, schaue ich gern so [herausforderungsarme] Serien wie „Mein perfektes Hochzeitskleid“. Ich mag Hochzeitskleider.

Aber sobald die Werbung kommt, will Daniel mich krass machen. Detlef will mich sexy machen. Sophia Thiel (wer zu Geier ist Sophia Thiel?!) will, dass ich abnehme und Maria Höfl-Riesch möchte mich fit machen. Selbst meinem Mann fiel das letztens auf und er – schon immer groß und schlank  sagte irritiert: „Was wollen die von mir? Wollen die mich fertig machen?“ Für ihn eher Spaß – aber BÄM – bei mir sind sie dann wieder da: Die Selbstzweifel.

Du bist ok wie du bist, nur zu fett.

Ich sitze beim Frisör und lese Frauenzeitschriften. Vorne: Mode, die keinem passt und die keiner bezahlen kann. Mitte: Du bist okay, so wie du bist. Dahinter: Tipps für mehr Selbstbewusstsein. Dann: Die obligatorischen Diättips – denn eigentlich sind wir ja alle zu dick.

Warum? Was wollt ihr? Ich habe es satt! Ich habe in meinem Leben eine Gewichtsspanne von 90 bis 39 Kilo erlebt. Ich war zu fett, ich war normal, ich war zu dünn. Aber ich war immer ich. Warum schreien alle „Sei wie du bist!“, „Sei du selbst!“ oder „Die inneren Werte zählen!“ und doch können Aminati, Soost & Co. zur besten Nachmittags-Sendezeit für ihre Sport- und Diätprogramme werben und sind damit gewiss erfolgreich.

Ich liebe Essen und hasse Sport

Ich liebe Essen. Essen ist toll. Salat, so leid es mir tut, nicht. Ich liebe kochen und backen und Essengehen ist bis heute eins meiner liebsten Hobbies. Und warum auch nicht? Ich habe es akzeptiert. Das Leben ist zu kurz, um Dinge zu essen, die einen nicht glücklich machen. Knäckebrot, zum Beispiel. Macht Knäckebrot irgendwen glücklich?!

Und. Ich. Hasse. Sport. Nein, ich bin nicht zu faul. Zen Ki Yoga mit Janie, das geht. Das habe ich in Australien jeden Tag gemacht und zwar mit echter Freude. Aber Janie ist in Australien, wenn sie nicht gerade um die Welt jettet.

Als ich damals krank war, war ich jeden Tag im Fitness-Center und habe das eigens für mich zusammengestellte Programm absolviert. Drei Mal hintereinander, manchmal, wenn ich noch stehen konnte, ein viertes. Bis selbst den Trainern auffiel, dass etwas mit mir nicht stimmte. Das war eine die Magersucht ergänzende Sucht und hatte nichts mit Spaß zu tun – denn (ich erwähnte es) ich hasse Sport wirklich.

Jahrelang hab ich es versucht, habe Ausreden gesucht und gefunden – aber die brauche ich gar nicht. Sport ist nicht meins. Punkt.

Danke, ich bin krass genug!

Und wisst ihr was?

Danke, Herr Aminati, ich bin schon krass! Nichts für ungut, Detlef D. Soost, aber ich bin sexy genug, wer das anders sieht, muss jemand anderen ansehen! Sophia Thiel, ich nehm ab, wenn ich da Bock drauf hab – und wenn nicht, ist es auch okay. Maria Dein-Nachname-ist-mir-zu-kompliziert: Ich bin kein Model, aber ich habe zwei Kinder und kaum eine ruhige Minute zuhause – ich BIN fit, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht.

Ich habe 17 Jahre gebraucht, um das zu werden, was ich heute bin. Ich bin eine gute Ehefrau, eine liebende Mama, eine passable Köchin, eine unterstützende Freundin, eine lernende Geschäftsfrau, eine begeisterte Bloggerin, ein Schreiberling. Eine stolze Speckröllchenträgerin.

Und ich bin okay.

Ich bin krass genug. Vielen Dank.

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Phönix. #NoMobbing

#NoMobbing. Eine ganz wichtige Blogparade.

Dieser Artikel wird ein sehr persönliches Stück Seele. Ich rede darüber nicht, denn ich kann und möchte es auch nicht. Vielleicht ist genau das falsch. Ich sollte es in die Welt hinausbrüllen, aber ich kann es nicht. Warum? Weil ich mich schäme. Ich schäme mich sogar ganz furchtbar. Ich verdränge das Thema wo ich nur kann, weil es einfach zu tief geht und zu weh tut. Als ich den Aufruf zur Blogparade #NoMobbing las, wusste ich aber, dass ich mitmachen möchte und ich lasse also für einen kurzen Moment zu, dass ihr in mein Innerstes gucken könnt.

Ich schäme mich, obwohl ich nichts falsch gemacht habe. Ich schäme mich so, so sehr und weiß selbst nicht, warum. Weil ich schwach war, vielleicht. Ich war ein Mobbing-Opfer. In der Schule und auch im späteren Berufsleben.

Heile Welt gone bad

Bis ich von der Dorf-Grundschule aufs Gymnasium wechselte, war meine heile Welt in Ordnung. Ich war nie die Beliebteste der Klasse, das war die Tochter des Bürgermeisters. Aber ich hatte meinen Freundeskreis und kam mit allen gut klar. Wir hatten eine schöne Grundschulzeit. Okay, unser Lehrer brachte uns statt Mathe Schachspielen bei – hab ich geliebt, auch wenn es rückblickend nicht ganz so angebracht war.

Auf dem Gymnasium in der Stadt war anfänglich auch alles ganz fein. Ich hatte meine Freundinnen quasi mitgenommen. Wir kannten uns und ich hatte keine Notwendigkeit, mich völlig neu zu orientieren. Das änderte sich eines Tages schlagartig.

Ich stand auf dem Schulhof und unterhielt mich, als ich von hinten angesprungen und geschlagen wurde. „HAST DU DEN BRIEF GESCHRIEBEN?“, brüllte mich ein Klassenkamerad an. Ich wusste nicht, wovon er sprach und verneinte. „DU SCHLAMPE HAST DEN BRIEF GESCHRIEBEN!“, brüllte er weiter. Von da an war ich zum Abschuss freigegeben. Ich war fett. Ich war hässlich. Ich war arm. Ich war dumm. Meldete ich mich im Unterricht, wurde alles, was ich sagte – ob richtig oder falsch – mit hämischem Lachen quittiert. Man muss kein Hellseher sein um zu erraten, dass ich schließlich nichts mehr sagte. Ich wurde ausgelacht, wo ich ging und stand. Meine Kleidung, alles. Dabei waren wir alles andere als arm, meine Familie hatte nur nie die Notwendigkeit gesehen, für eine Hose das Fünffache auszugeben, nur weil „Levi’s“ dranstand.

Irgendwann erfuhr ich, dass es sich bei besagtem Brief um einen Liebesbrief gehandelt hatte, den irgendjemand – ich weiß bis heute nicht wer – einem der Jungen in unserer Klasse in meinem Namen geschrieben hatte. Ich weiß bis heute weder, wer ihn geschrieben hat, noch was darin stand. Dieser Junge jedoch, begegnete mir seitdem mit offenem Hass. Seine Freunde zogen mit, obwohl sie soweit nichts mit mir zu tun hatten. In unserer Klasse waren nur 6 Jungen, 5 davon machten mir das Leben zur Hölle. Der Rest der Klasse tat nichts.

Die Jeans, die vier Jahre Hölle beendete

Nach vier Jahren Hölle, in denen auch die Lehrer nichts weiter unternahmen, als den besagten Jungen ausgerechnet auf einer Schulfeier zur Rede zu stellen und ihm so den Tag zu versauen, was alles nur noch schlimmer machte, wünschte ich mir eine Levi’s Jeans. Meine Mutter kaufte mit drei. Und – oh Wunder – plötzlich wurde die Klassengemeinschaft wach. Die eine sagte frei heraus „Ich wusste ja gar nicht, dass du dir sowas leisten kannst!“ und die nächste nahm mich bei einem erneuten Angriff meiner Gegenspieler auf einmal in den Arm und rief „Das ist meine Freundin! Lasst sie in Ruhe!“ Niemand war erstaunter, als ich. Was eine Jeans doch so alles ausrichten kann.

39 Kilo Traurigkeit

Meine schulischen Leistungen hatten sich so verschlechtert, dass ich das Jahr wiederholen musste. In den Sommerferien nahm ich mir fest vor, in der Stufe unter uns, in der ich niemanden kannte, beliebter zu werden. Dumm war ich eh nicht, aber vielleicht ja wirklich fett! Und so begann ich, mir den Finger in den Hals zu stecken. Einmal, zweimal, jeden Tag. Mehrmals am Tag, bis ich nichts mehr bei mir behielt. Aus der Bulimie wurde eine ausgewachsene Magersucht. Einmal, da aß ich einen Apfel – eine Woche lang. Jeden Tag ein Stückchen. Ich trug Markenklamotten und war schlank – und beliebt wie noch nie. Selbst der hasserfüllte Junge aus der alten Klasse wanzte sich an mich ran und fragte mich, warum ich ihn eigentlich nie grüßen würde. Ich lachte und ließ ihn stehen.

Mit 39 Kilogramm kam ich in die Klinik. 35 Kilo waren zu der Zeit mein Ziel. Ich war nämlich unfassbar fett, müsst ihr wissen! „Noch ein Kilo weniger und du bekommst eine Magensonde!“, drohte man mir. Ich riss mich zusammen und wurde entlassen. Ich kämpfte noch Jahre lang gegen die Essstörung, die sich irgendwann in Bulimie zurückverwandelt hatte. Und: Ich Schauspielerin! Mir gelang es immer, allen vorzuspielen, dass alles toll war. Bis es irgendwann nicht mehr ging. Aber das ist eine andere Geschichte.

Das zweite Mal

Als mir das Gespenst Mobbing das zweite Mal begegnete, war ich schon längst erwachsen. Ich war 29 Jahre alt, hatte studiert, das Studium zugunsten einer Ausbildung abgebrochen, gearbeitet und ein halbes Jahr in Australien gelebt. Die Magersucht und die Bulimie lagen hinter mir, ich hatte mich am Ende ohne Therapie am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen. Ich war Fremdsprachenkorrespondentin und Übersetzerin für Deutsch und Englisch und zwar eine verdammt gute.

Ich bekam einen Job in einer kleinen Firma in der Nachbarstadt. Sechs Monate lang lief alles gut. Bis ich in einen Festvertrag übernommen wurde. Ab diesem Tag – und ich habe lange erfolglos spekuliert, wo der Sinn dessen lag – begannen Chef und Personalchefin mich nach allen Regeln der Kunst zu mobben. Es begann damit, dass der Chef, ein Mensch, er mir vom ersten Moment an zutiefst unsympathisch gewesen war, anfing, meine Kompetenz zu untergraben.

Ich bekam Aufgaben, die meine Stellenbeschreibung bei weitem überschritten und für die ich nicht qualifiziert war. Ich bekam Aufgaben, die unmöglich waren (z.B. eine PowerPoint-Präsentation zu erstellen, in der die Folien abwechselnd hochkant und querformatig waren). Ich wurde geschickt, Ordner zu suchen, die es nicht gab. Die Personalchefin gab mir gezielte Fehlinformationen und begann ab einem gewissen Punkt, mich zu beleidigen, wo sie nur konnte („Hat man dir ins Hirn geschissen?“ war noch das Freundlichste). Ich hätte mich beschweren können über sie, sagt ihr? Klar, es gab in der Firma eine Mobbing-Beauftragte. Ebendiese Personalchefin. Vielleicht hat sie das mit der „Mobbing- Beauftragten“ einfach nur falsche verstanden – jedenfalls hatte man den Bock zum Gärtner gemacht.

Schließlich bekam ich eine neue Kollegin. Diese konnte kein Englisch, obwohl dies Voraussetzung für den Job war. Sie bekam die Aufgaben, alles Mögliche auf Englisch zu verfassen. Und da das so schlecht war, musste ich alles korrigieren – in vielen, vielen unbezahlten Überstunden. Alle wussten das, trotzdem gab sie all meine Arbeit für die ihre aus. So ging es monatelang.

Ich konnte nicht mehr

Irgendwann beschuldigte mich mein Chef, ich nähme zu viel Urlaub. Dass mir dieser zustand und dass ich die unglaublich vielen Überstunden abfeierte, stieß auf taube Ohren. Das war der Moment, in dem ich innerlich kündigte. Als dann schließlich meine Kollegin drauf und dran war, eine wichtige Auslandsreise in den Sand zu setzen, obwohl ich sie mehrfach darauf hingewiesen hatte, nahm ich dummes, pflichtbewusstes Ding die Sache selbst in die Hand und nur mir war es zu verdanken, dass der Kollege zu seiner wichtigen China-Reise aufbrechen konnte. Da hörte ich, wie sie am Telefon dem Chef sagte „Die? Die tut hier gar nichts mehr. Die sitzt nur rum!“ und das, wo ich soeben ihren Job gerettet hatte.

Und wie ein Ballon, aus dem auf einmal alle Luft gelassen wird, sackte ich zusammen. Ich fuhr zu meinem Arzt und ließ mich krankschreiben, denn ich hatte das Gefühl, ich könne keinen Schritt mehr tun. Ich hatte schleichend eine Angststörung entwickelt, die in diesem Moment voll zugeschlagen hatte: Ich konnte nicht mehr vor die Tür gehen. Ich bekam sofort Panik. Einkaufen war nur noch in Begleitung meines Mannes möglich. Nicht einmal in den Keller des Mehrfamilienhauses konnte ich noch gehen. Es ging nicht. Oft stand ich an der offenen Wohnungstür und war vollkommen unfähig, einen Schritt hinaus, ins Treppenhaus, zu tun.

Wachgerüttelt

Als mein Mann mich an einem Abend aus dem Haus zwang, um mit seinen Eltern essen zu gehen, sollte sich alles ändern. Als wir um ein Uhr nachts zurückkamen, stand ein Stromkasten im Keller in Flammen und wir konnten glücklicherweise die bereits schlafenden Bewohner des Hauses wecken und die Feuerwehr alarmieren. Wären wir nicht aus dem Haus gegangen, hätten wir zu der Zeit, wie alle anderen auch, bereits geschlafen. Rauch- oder Brandmelder gab es damals hier nicht.

Dieses Erlebnis war mein Weckruf.

Ich begann eine Therapie und bekam die Angststörung in den Griff. Heute kommt sie nur noch in ganz schwachen Momenten zum Vorschein, genau wie die Essstörung.

Man kann seinem Suchtmittel nicht entkommen

Anders, als bei anderen Suchterkrankungen, kann ein Essgestörter seinem Suchtmittel nicht entsagen. Ein Alkoholiker kann den Alkohol aus seinem Haus verbannen und kann sagen „Ich trinke nie mehr!“ Ich sage nicht, dass das leicht ist – ganz bestimmt nicht. Aber eine Essgestörte muss lernen, mit dem Suchtmittel – dem Essen oder dem Nicht-Essen – hauszuhalten. Man muss lernen sein Suchtmittel gesund zu dosieren. Und das ist unfassbar hart. Und wie auch ein Alkoholiker sein Leben lang ein Alkoholiker ist, ist eine Essgestörte ein Leben lang essgestört. Jeder Tag ist eine Balance zwischen zu viel und zu wenig essen. Es wird mich mein Leben lang begleiten. Sehr schön beschrieben ist das in einem Beitrag bei „Scary Mommy“. Hier beschreibt eine Betroffene (auf Englisch) ihren Kampf gegen „Ed“, der sie immer wieder heimsucht, obwohl sie ihm bereits zwei Mal die Tür gewiesen hat. Ed steht für „Eating Disorder“, Essstörung.

Bis heute habe ich zu meinem Körper kein normales Verhältnis. Ich habe kein Gefühl dafür, ob ich zu dick bin, genau richtig oder zu dünn (na gut, das bin ich zur Zeit ganz bestimmt nicht).

Aber seitdem ich Kinder habe, habe ich es geschafft, mich zu akzeptieren. Seitdem ich selbstständig bin, habe ich ein gewisses Selbstbewusstsein gelernt, das es mir einfacher machen wird, mit eventuellen zukünftigen Chefs klarzukommen. Ich hatte in der Zwischenzeit außerdem einen sehr lieben Chef, der mir einiges an Vertrauen in mich selbst zurück gegeben hat – ganz ohne es zu wissen, indem er mich respektiert hat und mich so behandelt hat, wie ein Chef das tun sollte.

Ich werde mir nie wieder von missgünstigen, gemeinen und unglücklichen Menschen mein Leben aus der Hand nehmen lassen. Nie wieder werde ich mich von einem Vorgesetzten so behandeln lassen. Geld hin, Geld her, ich werde meine Gesundheit nicht noch einmal für Menschen riskieren, die selbst zu klein und geistig zu arm sind, sich angemessen zu verhalten. Das ist es nicht wert.

Ein armer Junge

Der Junge aus der Schule war, wie ich später von anderen gehört hatte, adoptiert. Obwohl er in einer sehr wohlhabenden Familie aufwuchs, kam er damit nicht klar. Jahre später sah ich ihn in der Fußgängerzone. Ungewaschen auf dem Boden, mit einer Flasche Bier. Ob das nur eine Momentaufnahme war, oder ob ihm tatsächlich sein eigenes Leben entglitten war – keine Ahnung. Ich habe nicht mit ihm gesprochen, obwohl er mich erkannt hatte und mir nachrief. Ich mache ihm keinen Vorwurf mehr. Er tut mir leid. Er war nur ein Kind.

Vorwürfe mache ich aber den Klassenkameraden, die mich gegen das Unrecht erst dann verteidigen konnten, als mein Hintern in einer Levi’s steckte. Und ganz besonders den Lehrern, den sogenannten Pädagogen, die von all dem wussten, die es mitbekamen und die nichts unternahmen, außer mir, dem Opfer, zu einem Schulwechsel zu raten. Auch meinem damaligen Chef und seiner Personalchefin. Erwachsene sollten es wirklich besser wissen.foto_1_nomobbing

Mobbing ist eine Waffe

Es liegt mir fern, anderen Menschen weh zu tun. Ich bin, wie auch meine Söhne, mit einer gehörigen Portion Empathie gesegnet, die es mir unmöglich macht, ein böser, gemeiner und niederträchtiger Mensch zu sein. Manchmal wünschte ich mir wirklich, ich wäre ein Arschloch – dann wäre vieles leichter. Wie oft habe ich die Empathie schon verflucht!

Aber so bin ich nun mal und ich kann nur hoffen, dass meinen Söhnen das Mobbing erspart bleibt und sie ihre Schulzeit genießen können. Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, dass meine Kinder keine Täter werden – und wenn sie Opfer werden, werde ich wie eine Löwin für sie kämpfen.

Ich hoffe, dass irgendwann gegen die Täter vorgegangen wird.

Ich hoffe, dass auch die Lehrer das Ausmaß dessen verstehen, was Mobbing in der Schule anrichten kann. Mobbing ist eine Waffe. Mobbing ist eine Waffe, die schärfer ist als jedes Messer und die einen Menschen für den Rest seines Lebens entstellen kann. Mobbing ist lebensgefährlich. Niemand würde es tolerieren, dass ein Kind in der Schule andere mit einem Messer verletzt. Hört auf, zu tolerieren, dass Kinder andere Kinder durch Mobbing verletzen. Wie? Das müsst ihr herausfinden. Aber das MÜSST ihr. Solange die Schulen das Problem nicht ernst nehmen, wie es der Tochter der Mit-Initiatorin dieser Blogparade widerfahren ist, kann ich nicht glauben, dass die Schulen das Problem in seiner Gänze verstanden haben. Bitte lest dazu auch den Beitrag von Glucke und so der zweiten Initiatorin.

Ich hoffe, dass auch Firmen irgendwann erkennen, dass sie Menschen so zerstören. Ihr seid erwachsen, Herrgottnochmal! Denkt nach!

Ich stehe in der Asche und rufe: „Hört. Endlich. Auf!“

Ich bin froh, dass ich es geschafft habe, diese Hölle zu überwinden und stehe nun hier in der Asche und rufe: „Hört auf. Hört endlich auf mit dem Scheiß. Das Leben ist zu f*cking kurz und zu f*cking kostbar, um es so kaputt zu machen. Hört auf zu mobben. Helft denen, die gemobbt werden. Steht für andere auf und stellt euch vor sie. Sagt dem Täter: Hör auf! Stoppt das Victim Blaming!

Und ja, trotz allem: Helft auch denen, die mobben, denn es sind unglückliche Menschen. Verletzte Menschen, die um sich schlagen, weil sie nicht anders können.“



Habt ihr Ähnliches erlebt? Wart ihr Mobbing-Opfer, oder vielleicht Täter? Wenn ihr darüber erzählen möchtet – und vielleicht sogar an der Blogparade teilnehmen möchtet, schreibt uns eine E-Mail an knusper@kruemelundchaos.de. Wir veröffentlichen euren Gastbeitrag auf unserer „Krümel und Chaos“-Seite. Auf Wunsch auch anonym.