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Prost Neujahr. Neujahrsgedanken

Vor einiger Zeit brachte ich einer lieben Freundin Blumen zum Geburtstag. Ich konnte sie ihr nicht persönlich geben, hätte es so gern getan – darum legte ich sie auf ihr Grab. Sie starb, heute vor 14 Jahren, in der Neujahrsnacht bei einem Unfall, der so vermeidbar gewesen wäre.

Hätte sich nicht ein Mensch ans Steuer seines Autos gesetzt, obwohl er Alkohol getrunken hatte. Hätte dieser Mensch bei einem Rennen nicht die Kontrolle über seinen Wagen verloren.

Sie fehlt nach all den Jahren noch immer so sehr.

Damals, als ich Kind war

Sie war 6 Jahre älter als ich, aber von Kleinkindstagen an mein Idol, mein Vorbild und genau so, wie ich immer sein wollte. Ich liebte sie, hab es ihr nie gesagt.

Sie hatte sich schon immer gern um mich gekümmert, hat mich gebabysittet. Hat meine Heimwehanfälle ertragen, wenn ich wieder mal unsere geplante Pyjamaparty platzen ließ, weil mir mein Zuhause (welches unglaubliche 20 Meter entfernt war) so fehlte. Sie hat mich einfach eingepackt und mich mit vielsagendem Blick bei meiner Mutter abgeliefert. Nebenan.

Sie und ich waren in meiner Kindheit ein ziemlich tolles Duo. Sie, die Ältere, und ich, der vorlaute, kleine Pimpf. Sobald im Winter Schnee lag, liefen wir in den Hellweg zum Schlitten fahren. Im Sommer kletterten wir auf Bäume, bevorzugt Apfelbäume auf Schafsweiden mit hungrigen und launischen Schafen, die uns jagten. Im Herbst kletterten wir auf Strohballen und spielten Piraten, wobei der Kirchturm des Nachbardorfes immer das feindliche Piratenschiff war, wir machten Lagerfeuer an denen wir Folienkartoffeln, Maiskolben mit Butter und Würstchen brieten und ließen auf den Stoppelfeldern Drachen steigen. Als Opa starb, gab sie mir Halt.

Photo by Adam Wilson on Unsplash

So, wie ich immer sein wollte

Wenn ich an sie denke, denke ich in erster Linie an Lachen. Echtes Lachen, aus tiefstem Bauch. Lachtränen und Lachbauchweh. Ihr Humor war legendär. Manchmal gemein, immer etwas schwarz, spontan und manchmal etwas derb. Sie konnte Witze erzählen, Stimmen und Situationen imitieren oder einfach nur trockene Kommentare abgeben, die sich als Prüfung für jedes Zwerchfell erwiesen. Ob beim „Bingo“, beim Alf-Hörspiele rauf-und-runter-hören oder beim Schlitten- und später Fahrradfahren. Als sie mich mit zur Schule nahm, als ich das erste Mal Alkohol trank, beim Ausschachten ihres riesigen Teichs oder bei gelegentlichen Shoppingtouren.

Sie war so, wie ich immer sein wollte. Witzig, laut und frech. Bildschön, blond und blauäugig. Schlau, schlank und schlagfertig. Nicht, dass sie eine von diesen Porzellanpüppchen oder Tussis war. Weit gefehlt, ich habe selten ein Mädchen so fluchen und rülpsen hören – wie ein Bierkutscher. Was hatten wir für einen Spaß! Nein, sie konnte im Garten zupacken und hatte keine Angst, sich auch mal die Finger schmutzig zu machen.

Wiedersehen, auf Wiedersehen

Wir trafen uns am Heiligabend beim Einkaufen. Ganz unverhofft und nach vielen Jahren wieder. Und sofort war es wie früher. In den paar Minuten am Einkaufswagen lachten und gibbelten wir wie damals, als wir Kinder waren. Über Gemüsesülze!

Sie zog wieder her, zurück in die Heimatstadt. Wir wollten einen Kaffee trinken gehen. Ein Stück Kindheit kam zurück.

An Silvester ihre Eltern geherzt und gedrückt, auch die hab ich so lieb.

Wenige Tage danach stand, schon wieder unverhofft, ihre Schwester vor mir. Was sie mit leiser, dunkler Stimme erzählte, zog mir völlig den Boden unter den Füßen weg. Ein Satz nur. Ich sah, wie sie die Lippen bewegte, und hörte die Worte erst mit – gefühlt minutenlanger – Verzögerung.

Sie ist tot.

Mein Mund klappte auf und ließ sich nicht mehr schließen. Mein Magen fuhr Fahrstuhl, in meinen Ohren rauschte es. Mein Gehirn versuchte, diesen Satz zu verstehen und die einzelnen Wörter in einen logischen Zusammenhang zu bringen. Doch es gab keine Logik. Nur die eiskalte, hässliche und brutale Wahrheit. Sie ist tot.

Das Leid der Familie, der Eltern, ist bis heute greifbar und unvergessen. Die Trauer hört nicht auf.

Photo by Jerry Kiesewetter on Unsplash

Niemand ist unbesiegbar, unkaputtbar oder unsterblich.

Sie starb an Neujahr, weil ein Fremder betrunken Auto fuhr. Hier höre ich auf.

Es ist nicht meine Tragödie und ich möchte sie nicht für einen Blogpost ausschlachten, sondern nur für eine Nachricht:

DON’T DRINK AND DRIVE.

Das ist nicht cool, das ist nicht okay, das ist keine Lappalie. Erstaunlich viele Leute sehen es als Kavaliersdelikt. Das ist es nicht. Ihr könnt damit Leben zerstören – wenn nicht euer eigenes, dann das von anderen Menschen. Von Eltern, von Partnern, von Kindern, von Nachbarn und Freunden.

Niemals, wirklich niemals ist es in Ordnung, sich betrunken ans Steuer zu setzen.

Noch nie was passiert? Ist noch immer gut gegangen? Glück gehabt. Einfach nur Scheißglück gehabt.

Ihr seid nicht unbesiegbar. Ihr seid nicht unsterblich. Keiner von uns.

Frohes neues Jahr.

Der Blog – Mein Denkarium.

Danke, dass ihr zuhört.

Manchmal kommt ein Gedanke in meinen Kopf und bleibt hängen. Er hakt sich mit seinen Widerborsten fest und es dauert nicht lange, bis Wörter sich darum herum ranken. Sie sprießen wie Unkraut und schlängeln sich durch mein Gehirn, wo sie sich an Informationen und Erinnerungen hängen, die irgendwo verstaut sind. Sie werden zu Sätzen und ich kann nicht aufhören zu formulieren.

Wenn ich das dann nicht sofort aufschreibe – in mein Notizbuch, ins Handy oder auf dem Laptop – bekomme ich später bestenfalls eine Kopie des ursprünglichen Gedankens hin. Aber der richtige Text, der direkt mit Kopf und Herz komponiert wurde, ist dann nicht mehr verfügbar.

Meine Gedanken sind kleine Stalker

Das heißt aber nicht, dass er mich nicht immer wieder heimsucht. Wie gesagt: Der ursprüngliche Gedanke hat Widerborsten, mit denen er sich überall festhakt. Er kommt immer wieder, ich beginne, davon zu träumen, er „überfällt“ mich in den unmöglichsten Situationen – wo natürlich keine Zeit zum Schreiben ist.

Diese unausgegorenen Gedanken stalken mich, wo sie nur können und versauen mir das entspannte Schaumbad (das schon echt nicht häufig vorkommt), sie suchen mich unter der Dusche heim oder verfolgen mich abends beim Einschlafen.

Früher habe ich mich stalken lassen und habe oft wachgelegen, weil diese immer wiederkehrenden Gedanken mich nicht haben schlafen lassen.

Mein Denkarium

Jetzt schreibe ich sie auf. Wie bei Albus Dumbledore, ist der Blog zu meinem Denkarium geworden. Er hatte es mit seinem Zauberstab zwar eklatant einfacher, seinen Gedanken loszuwerden – aber das Ergebnis ist dasselbe: Der Gedanke ist weg und befindet sich da, wo er mich nicht mehr stören kann. Jederzeit kann ich die Texte noch einmal lesen, sie verändern und verbessern – manchmal löschen. Aber indem ich sie aufgeschrieben habe, verarbeite ich vieles, überdenke es neu und vor allem: Gebe dem Gedanken einen Platz.

#NoMobbing

Aber warum schreibe ich das nicht alles in ein Tagebuch, sondern veröffentliche es? Muss das wirklich sein? Gutes Argument. Aber ja, es muss sein. Bestes Beispiel ist unser Beitrag zur Blogparade #NoMobbing gewesen. Da war ein kleines Mädchen, Mobbing-Opfer, die Eltern wussten sich keinen Rat mehr und initiierten diese Blogparade. Und dem kleinen Mädchen hat es geholfen, über die Erfahrungen anderer zu lesen und es sah: Es kann jeden treffen, es hat nichts falsch gemacht, es ist nicht schuld! Es hat ihm Kraft und Mut gegeben und es konnte den Mobbern schließlich die Stirn bieten! Die Reaktionen auf diesen Artikel waren durchweg so positiv, dass wir sicher sind: Wir haben etwas bewirkt. Wir haben anderen Leuten Kraft und Mut gegeben – nur durch ein paar Worte.

„Mein Kind ist nicht wie andere…“

Auch Mareike, die mit ihrer Geschichte an unserer Reihe Chaos auch bei… teilgenommen hat, hat wundervolle Reaktionen erfahren. Zuspruch, Mitgefühl und viele gute Wünsche waren die Reaktionen auf unseren Artikel und wir konnten so auf den seltenen Gendefekt ihrer Tochter aufmerksam machen.

„Ich hätte es so nicht in Worte fassen können, dennoch habe ich das Gefühl, es kommt genau so von mir“, sagte Mareike nach der Veröffentlichung zu mir.

Bis heute ist die Story über Mareike und Ella unser erfolgreichster Beitrag!

Danke!

Danke, dass Ihr alle den Blog so fleißig lest, teilt und kommentiert zeigt mir, dass es nicht nur meine persönlichen Denkereien sind, sondern auch in euch etwas auslösen: Sie bringen euch zum Lachen oder zum Weinen, machen euch nachdenklich, bringen euch dazu, mit den Augen zu rollen oder lösen einfach nur Zustimmung aus – „Das kenne ich auch!“, „Genau wie bei uns!“ oder „Als hättest du direkt in meinen Kopf geguckt!“ waren nur einige eurer Kommentare.

Und wisst ihr was? Das tut mir gut! Ich freue mich, wenn ich euch die Geschichte erzählen kann, die sich aus dem strubbeligen, kleinen Gedanken entwickelt hat. Das mit euch zu teilen macht mir Freude, auch wenn manche Themen nicht ganz einfach sind.

„Was machen Sie eigentlich beruflich?“ wurde ich vor kurzem gefragt und ich konnte ganz stolz sagen „Ich bin Geschichtenerzählerin!“ – denn ja! Das bin ich. DAS BIN ICH. Das ist mein Herz, das ist meine Seele. Ich bin Geschichtenerzählerin – und nichts anderes wollte ich immer sein!

Dieser Blog ist mein Herzensprojekt. Jeder Text, jede Geschichte kommt aus dem Herzen, aus persönlicher Inspiration und ist aus diesem kleinen, anhänglichen Funken entstanden, der sich irgendwann in meinem Kopf entzündet hat.

„Sei frech und wild und wunderbar!“ (A. Lindgren)

Danke für 2016 – und dass ihr diesen erst vier Monate alten Blog so gerne lest.

Ich freue mich auf 2017 und wünsche euch allen einen wunderbaren Start ins neue Jahr! Feiert, als gäbe es kein Morgen! Liebt, als wäre morgen alles vorbei! Lebt, als wäre es euer letzter Tag!

Und dann, im neuen Jahr, sehen wir uns alle wieder – leicht verkatert, müde und voller Vorfreude auf das Jahr, das da ganz frisch und unberührt vor uns liegt, wie ein Buch mit leeren Seiten.

Schreibt eure Geschichte – und lasst uns teilhaben an euren Gedanken, Gefühlen und Abenteuern!

Macht es, wie Astrid Lindgren es gesagt hat: Seid frech und wild und wunderbar!

Fühlt euch gedrückt!

Eure Tanja

von Krümel und Chaos