Brief an mein Kleinkind…

Warst du nicht gestern noch ein Baby?

Mein kleiner Junge.

Du bist, wie dein großer Bruder, ein absolutes Wunschkind. Auch wenn ich am Anfang überzeugt davon war, dass du ein Mädchen wirst, war ich keine Sekunde lang enttäuscht.

Du weißt, was du willst

Schon als du in meinem Bauch warst, habe ich immer gesagt, dass du ein Macher bist. Das hatte ich einfach im Gefühl und bisher hat sich dieser Eindruck bestätigt. Schon bei deiner Geburt hast du dich nicht lange mit schreien aufgehalten, sondern dich sofort auf die Suche nach Futter gemacht. Brust nicht sofort gefunden? Macht nix, saug ich eben an Mamas Wange, bis da was rauskommt! Und dich da erstmal abzulösen! Meine Güte, hattest du einen Zug drauf! Von da an lagst du gefühlt die nächsten acht Monate nonstop an der Brust – was man hat, hat man!

Mein kleiner Junge – du bist ein Macher! Das Köpfchen konntest du schon nach nur einer Woche alleine halten. Nicht mal 10 Monate warst du alt, als du deine ersten Schritte gemacht hast. Du weiß genau, was du willst und was du nicht willst – und lässt es lautstark jeden wissen, wenn es mal nicht nach deinem Willen geht.foto-3_mein-kleiner-junge

Schlaf war Mangelware

Ach, kleiner Mann! Du hast uns einiges abverlangt. Schlafen ist nicht so deins – im Gegensatz zu deinem Bruder, der Schlafen quasi von Geburt an als Hobby betreibt, muss man dich noch immer überzeugen, dass dir sowas gut tut. Schlafen? Voll Mainstream! Üben musst du! Groß werden! Wer hat da Zeit zum Schlafen?! Wochen mit absolutem Schlafminimum liegen hinter uns. Du hast uns unsere Grenzen gezeigt und was Erschöpfung bedeutet! Das hat unseren Start holprig gemacht und wir brauchten ein wenig länger, bis wir uns wirklich aneinander gewöhnt hatten.

Du bist nicht so leicht zu lesen, wie dein Bruder, bei dem wir meistens schon am Schreiton erkannten, was los ist. Nein, du lässt dir nicht in die Karten gucken!foto-2_mein-kleiner-junge

F*ck the system!

Du, kleiner Mann, hast deinen ganz eigenen Kopf. Du machst alles so, wie ein Baby es nicht tun sollte und Recht hast du – F*ck the system!

„Schlafen auf dem Rücken? Nicht mit mir! Gestatten? Ich bin Bauchschläfer – akzeptiert das oder ich schrei noch mehr! Und was soll bitte dieser blöde Schlafsack? Wollt ihr mich einsperren? Vergesst es und holt mir eine kuschelige Decke! Ich brauche die Freiheit, Mann! Und könnte bitte endlich jemand diese harten Gitterbett-Stäbe polstern? Ich sehe ja schon aus, wie ein Klingone mit meinen ganzen Beulen.

Nein, den MaxiCosi mag ich auch nicht. Mir doch egal, dass es nicht anders geht – schrei ich eben auf jeder Autofahrt so lange, bis euch die Ohren klingeln! Aber ich bin ja kein Unmensch, fünf Minuten vorm Ziel schlaf ich ein.

Und diese Tragegeschichte! „Der Mensch ist ein Tragling“? Am Arsch! Ich bin ganz klar ein Laufling und ich fang jetzt mal an zu üben. Und eins sag ich euch: Wenn ich Körperkontakt will, dann komm ich kuscheln – aber stopft mich bloß nicht in so ein Tuch und schnallt mich an Mama fest, da seh ich ja nix! Die Ergobaby könnt ihr euch auch sparen.

Und á propos „Nichts sehen“: Kinderwagen? Ja sagt mal, geht’s noch? Da seh ich ja gar nix – den Himmel vielleicht! Bis ihr den zum Buggy umgebaut habt, brüll ich bei jedem Spaziergang das Dorf zusammen, ich schwör!

Ja und, dann bin ich halt müde. Das heißt ja nicht, dass ich schlafen muss! Ein echtes Baby braucht keinen Schlaf! Da komm ich ja zu nix! Na gut, vielleicht ein Stündchen. Aber dann kannst du wieder zum Stillen kommen, Mama. Hey, Mama? Ist das nicht cool? Alle schlafen, nur wir zwei sind wach. Jede Nacht! Hach, ist das toll. Mmmmh… Ich glaub, ich schlaf mal ein… Moooooment, wer hat hier was von Hinlegen gesagt? Du bleibst mal schön da sitzen.

Und danke, Mama, dass du dir wochenlang die Mühe gemacht hast, zu kochen. Echt, ich weiß es zu schätzen. Danke, aber: Nein, danke. Ich nehm dann lieber doch das Gläschen. Onkel Hipp sagt schließlich, dafür steht er mit seinem Namen, und wenn der Mann da schon extra für mich in der Gegend rumsteht – mit Namen oder ohne, ist mir wuppe –  dann tun wir ihm doch den Gefallen und machen bitte das Gläschen auf. Jetzt. Wenn’s schnell geht, macht nix! Aber nicht warm machen, ja?! Warm – igitt! Ich bin eher so der Fan des kalten Büffets. Darum bitte auch mein Fläschchen mit kalter Milch. Kalt, sag ich. Kühlschrank-kalt. Papa trinkt das Feierabend-Bierchen ja auch nicht warm, oder?

Also, eigentlich bin ich doch ganz pflegeleicht, oder?“foto-4_mein-kleiner-junge

Laufling, nicht Tragling

So, oder so ähnlich mag es dir durch den Kopf gegangen sein. Du weißt, was du willst und du wollteste eines unbedingt: LAUFEN! Seit du knapp zehn Monate alt bist kannst du es und hey – auf einmal bist du viel entspannter, wenn auch nicht weniger furchtlos. Du kletterst, rennst und springst – fällst du um oder wieder einmal irgendwo runter, stolperst, rutscht aus und dann schüttelst du dich kurz und stehst wieder auf – zum Weinen keine Zeit!

Mein kleiner, großer Junge! Seit heute bist du kein Baby mehr. Du bist jetzt ein Kleinkind. Und was für eins! Auch wenn es für uns als Eltern nicht immer einfach mit dir war und sein wird:

Bewahre dir deinen Ehrgeiz, deine Zielstrebigkeit und deine Kompromisslosigkeit. Wenn wir es schaffen, dir die richtige Portion Menschlichkeit, Güte und Empathie mit auf den Weg zu geben – vielleicht mit einer Prise mehr Vorsicht – dann wird aus dir nicht nur ein Macher, der seinen Weg geht und alles schaffen kann, was er will, sondern auch ein ganz großer Mensch – in jeder Hinsicht.

Los, little Rocket Man! Greif nach den Sternen!

8 Antworten
  1. Birgit
    Birgit says:

    Vielleicht greifst du dann auch nach dem gelben Stern, der sich Borussia nennt. Das würde deine Mama und deinen Papa und die Musikgartentante sehr freuen! Nur großer M. „Lass bitte meinen CD-Player in Ruhe und die Finger aus den Steckdosen“, sonst werde ich ungemütlich!

    Ich freue mich sehr, dass du Spaß an deinem Musikboard hast (tolle Geschenkidee) und freue mich auf viele weitere Musikstunden mit dir und deiner Mama!

    Deine Musikgarten
    Bibi

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  2. Panda
    Panda says:

    Das ist ein wunderschöner, voll lustiger und anschaulich geschilderter Artikel. Habe echt mitgelitten, aber auch geschmunzelt! Wird für Kleinkind 2 mal eine schöne Liebeserklärung sein und ihn vielleicht auch nachdenklich machen, was es bedeutet, Kinder aufzuziehen.

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    • Tanja Chaos
      Tanja Chaos says:

      Danke! Ja, es ist wunderbar und anstrengend und obwohl wir an unsere Grenzen gestoßen sind, wollen wir es doch nicht anders haben! ❤️ Wenn die Zwerge mal selbst Kinder haben, werden sie es verstehen.

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  3. Flodderkind76
    Flodderkind76 says:

    So schön und so witzig und so verzeifelt zugleich geschrieben, super:-) Viele werden sich wiedererkennen. Dein Brief zeigt auch einfach das Hauptproblem von uns Mamas. Für jedes besch…Gerät und für nahezu alles im Leben gibt es Gebrauchsanleitungen, Schulungen etc, nur fürs Erziehen von Kindern nicht. Auch der Spruch : „Kennste eins- kennste alle“ kann man direkt in die Tonne kloppen, das funktioniert bei den Mäusen nämlich so gar nicht. Stattdessen stellt man sich jeden Tag neuen Herausforderungen und Prüfungen und kommt dabei auch so manches Mal an seine Grenzen. Aber dafür bekommt man sooo viel zurück, dass man auch nach einem Katastrophentag glücklich ist, wenn man seinen kleine Zwerge in den Arm nimmt;-) Auch wenn das Wohnzimmer einem Truppenübungsplatz der Bundeswehr eher ähnelt als einem gemütlichenWohnraum:-)))

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    • Tanja Chaos
      Tanja Chaos says:

      ❤️ Das hast du schön gesagt. Ich finde, der Spruch mit dem Buch passt auch gut:

      Ein Kind nach den Anleitungen eines Buches zu erziehen, ist gut,
      nur braucht man für jedes Kind ein anderes Buch.
      (Unbekannt)

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