Danke ist nicht nur ein Wort…

Kleine Dinge – große Wirkung

Ich hasse diese Orangensaft-Werbung. Die, in der die Mutter, mitten in ihrer super strahlendweißen Wohnung stehend, gesteht: „Den Kindern ‚Bitte‘ und ‚Danke‘ beibringen? Daran arbeiten wir noch. Hier im Haus für Ordnung sorgen? Schwierig! Die Gesundheit meiner Familie schützen? Ganz einfach.“ Lobend erwähnen müssen wir ja, dass es dort familiär chaotisch, nicht steril zugeht, und das Punkt zwei der „Daran-arbeiten-wir-noch-Liste“ ist.

Aber als ich die Werbung zum ersten Mal sah, dachte ich, ich hätte mich verhört. Ich meine, bitte, wir reden hier über Orangensaft aus einer Plastikflasche. Wie gesund das ist, darüber kann man streiten. Natürlich ist mir die Gesundheit meiner Kinder wichtiger als alles andere – aber an Bitte und Danke arbeiten wir noch? Es ist ja nicht so, dass dafür etwas anderes, wie die Gesundheit, auf der Strecke bliebe. Man wird ja nicht vor die Wahl gestellt, seine Kinder gesund zu ernähren oder ihnen höfliche Umgangsformen beizubringen – das geht parallel! Ehrlich!

Bitte, Danke und Gesundheit

Ich gehöre vielleicht zu einer aussterbenden Art (bitte sagt, dass es nicht so ist) – aber für mich sind Bitte und Danke eklatant wichtige Wörter. Mein Sohn beherrschte sie bereits mit Zwei und wendet sie heute ganz selbstverständlich an. Gut, manchmal muss ich ihn an der Wursttheke mit einem oberlehrerhaften „Was sagt man?“ erinnern, aber meistens klappt das von selbst. Auch Gesundheit sagt er, wenn jemand niest. Laut Knigge ist das zwar neuerdings unfein – man soll es großzügig überhören – ich finde es aber nach wie vor nett, jemandem Gesundheit zu wünschen, wenn er ein solches akustisch wahrnehmbares Krankheitsanzeichen äußert.

Warum sagt man „Gesundheit?“

Im Mittelalter, als die Pest grassierte, wünschte man sich so selbst Gesundheit, nicht dem Anderen. „Nicht die feine Art“, findet die Welt. Aber heute? Das Mittelalter ist schon lange vorbei und nur weil etwas damals recht egoistische Gründe hatte, muss es doch heute nicht künstlich zur Unhöflichkeit hochstilisiert werden. Fragt doch mal eure Bekannten! Die Mehrzahl wird denken, man wünscht dem Niesenden auf diese Weise „Gute Besserung“. Und das ist doch nett.

Ich komme, das muss man dazu sagen, aus einer sehr höflichen Familie. Wir haben sogar Gesundheit gesagt, als seinerzeit unser Hund geniest hat! In einem meiner vielen Babybücher stand, man solle bereits dem kleinen Baby, dem winzigen Säugling, gegenüber Bitte und Danke sagen. Als ich meinem Mann dies vorlas, sagte er lapidar „Wieso? Machst du doch schon!“ und da fiel es mir auf: Ganz unbewusst bedankte ich mich bei meinem Baby, wenn es mir beispielsweise ohne sich zu sträuben das Ärmchen hinhielt, damit ich ihm den Pullover anziehen konnte. Meinen „Kommandos“ schob ich immer ein Bitte hinterher. Und das ganz automatisch, unbewusst.

Ein „Thank you!“ für den Busfahrer. Wofür? Einfach fürs Bus fahren.

1_foto_danke_2

Es muss ja nicht immer gleich ein Kuchen sein…

Als ich vor kurzem mit australischen Freunden die Burg Altena besuchte, wurde ich wieder daran erinnert, wie viel höflicher die Leute Down Under sind. Wir betraten einen Raum mit mittelalterlichen Ausstellungsstücken. Es war ein Vormittag unter der Woche und es war nicht viel los. Ein gelangweilter Angestellter saß an seinem Tischchen in besagtem Raum, und passte auf, dass sich niemand auf den Thron setzte, der nicht König ist. Mein Mann und ich gingen durch den Raum und – Schande über uns – übersahen den Herrn, dessen Aufgabe ja auch irgendwie ist, unsichtbar zu sein, solange er nicht eingreifen muss. Meine australischen Freunde aber blieben vor ihm stehen und bedankten sich mit artigem „Thank you, mate!“

Und da fiel mir wieder ein, wie befremdet ich war, als ich in Sydney zum ersten Mal mit dem Bus fuhr: Jeder der Fahrgäste bedankte sich beim Aussteigen beim Fahrer. Am Anfang fand ich das sehr amüsant, hatten die Fahrer doch manchmal einen Affenzahn drauf, der uns Fahrgäste fast aus den Bänken kegelte. Auch das Aussteigen an der richtigen Bushaltestelle war für mich noch kompliziert, denn an den Bushalteschildern steht nicht, wie bei uns, gut sichtbar der Name der Haltestelle, weshalb meine ersten Busfahrten eher einem Glücksspiel glichen.

Aber sich zu bedanken, dafür, dass der Busfahrer tut, wofür er bezahlt wird? Das fand ich komisch. Heute schäme ich mich dafür. Im Laufe der Zeit gewöhnte ich mir an, ein fröhliches „Thank you!“ durch den Bus zu rufen. Es wurde mir zur Gewohnheit und schon nach kurzer Zeit fand ich es völlig richtig und passend – und konnte Ausländer daran erkennen, dass sie ohne Dank aus dem Bus stiegen.

Wieder in der Heimat – ich fahre hier nur selten Bus – rief ich dem Busfahrer beim Aussteigen ein lautes „Danke!“ zu… Und Fahrer wie auch Fahrgäste sahen mich an, als hätte ich unaufgefordert den „Ententanz“ hingelegt. Singend. Im rosa Frosch-Pyjama.

Danke und Bitte, statt Chinesisch und Englisch

Danke ist für mich ein kleines Wort, das mir keinen Zacken aus der Krone bricht, und doch so viel mehr ist, als nur ein Wort. Es drückt Wertschätzung aus. Es sagt meinem Gegenüber „Ich habe dich gesehen und wahrgenommen.“ Oder „Ich finde es gut, was du machst!“ Es sagt der Kassiererin, die an einem heißen Sommertag schon unzählige missgelaunte Kunden hatte „Ich sehe, was du tust. Ich möchte nicht mit dir tauschen, einer muss es aber tun. Schön, dass es dich gibt.“

Immer öfter bekomme ich nun mit, wie gut es den Leuten tut, wenn man sich bedankt – und zwar nicht nur ein beiläufiges Danke hinrotzt, sondern ein sonniges, von Herzen kommendes, gelächeltes DANKE! mit Blickkontakt zustande bringt. Das tut gar nicht weh, kostet nichts und es kann, für das Gegenüber, einen schlechten Tag in einen guten verwandeln.

„Wissen Se watt, junge Frau? Datt tut ma richtich gut, datt sich auch ma einer bedankt. Ich mach hier ja nur die Kasse, aber so’n Danke, datt macht einem den Tach schon schön. Machen leider die wenigsten Kunden! Die meisten sagen nich ma Guten Tach!“, sagte die Kassiererin im Baumarkt vor Kurzem.

Darum finde ich es wichtig, seinen Kindern, bevor sie Chinesisch und Englisch lernen, bevor sie Geigenunterricht und Klavierstunden bekommen und obwohl sie Orangensaft trinken – ja, verdammt, sobald sie sprechen können, Bitte und Danke beizubringen. Es macht einen Unterschied.

 

9 Antworten
  1. Pebbles
    Pebbles says:

    Genau meine Meinung. Ich bedanke mich auch – rein gewohnheitsmässig – wenn mir auf dem Bürgersteig jemand aus dem Weg geht. Leider passiert das umgekehrt so gut wie nie. Aber egal, ich empfinde es nicht als selbstverstänlich, wenn mir jemand, warum auch immer, Platz macht und darum bedanke ich mich weiter!

    Antworten
    • Tanja Chaos
      Tanja Chaos says:

      Ich finde es erschreckend, wie viele Leute sich z.B. an der Brötchen-, Wurst- oder Käsetheke einfach umdrehen mit ihrer Ware und weitergehen. Ohne „Danke“ oder „Schönen Tag noch“. Das ist für mich ganz selbstverständlich…

      Antworten

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] Mit unter den ersten Worten, die der Große sprechen konnte, waren „Bitte“ und „Danke“. Natürlich vergisst er das an der Wurst- oder Brötchentheke schonmal und dann kommt von der Mama ein oberlehrerhaftes „Was sagt man da?“ Aber es klappt auch von ganz alleine. Mein Sohn ruft den Müllmännern beispielsweise immer, wenn er sie sieht, ein „Danke, lieber Müllmann!“ zu. Auch der Kleine, der mit anderthalb Jahren noch nicht viel spricht, sagt bereits „Dandan“ (Danke) und „Bitti“ (Bitte). Das sind bei uns nicht nur Worte. […]

  2. […] Der Papa vom Runzelfüßchen hat sich zu St. Martin ein paar Gedanken über den Job der Erzieherinnen im Kindergarten gemacht – und dass wir den Einsatz oft viel zu wenig zu schätzen wissen. Dankbarkeit hat uns in diesem Monat ja auch schon beschäftigt, unsere Gedanken dazu lest ihr hier. […]

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.