Das Licht zwischen den Meeren

Von M.L. Stedman – Unser Buchtipp im März

Titel: Das Licht zwischen den Meeren

Autor: M. L. Stedman

Preis: 9,99 Euro

ISBN: 978-3734104534

„Hilfe! Ich habe Diskussionsbedarf!“, erreichte mich die Nachricht einer Freundin. Wir beide lesen fast ausschließlich Bücher in englischer Originalversion und haben weitestgehend denselben Buchgeschmack. „Bitte, lies mal The light between oceans!“ Puuuh, was ein kitschiger Titel, dachte ich noch. Aber da wir, wie gesagt, normalerweise dieselben Bücher mögen, lud ich mir das Buch schnell auf meinen E-Book-Reader (das englische Original kostet bei amazon übrigens nur 3,99 Euro für den Kindle).

Am Anfang fand ich etwas schwer in die Story. Das Warm-up ist etwas zäh, aber es lohnt sich, dranzubleiben! Das ist natürlich mit zwei Kindern nicht immer ganz einfach, aber als ich einmal so richtig gefesselt war, musste ich einfach weiterlesen.

Worum es geht

Tom ist Kriegsveteran des Ersten Weltkriegs. Der Australier ist müde vom Krieg in Europa und hadert mit seinen Erlebnissen. Als er nach Hause zurückehrt, bietet sich ihm die Möglichkeit, als Leuchtturmwärter auf dem kleinen Eiland Janus Rock vor der westaustralischen Küste zu arbeiten. Ein einsamer und entbehrungsreicher Job, für den er jedoch wie geschaffen scheint. Ursprünglich nur für sechs Monate eingeplant, wird es eine langfristige Beschäftigung. Auf einem der seltenen Landgänge trifft er die junge Isabel, die er bereits zuvor kennengelernt hatte. Sie verlieben sich und heiraten. Die Beziehung scheint vollkommen, denn Isabel gefällt es auf Janus Rock. Als Isabel schwanger wird, scheint das Glück perfekt. Doch sie verliert das Kind – und nicht nur eines.

Von ihrem Verlust gezeichnet wird die Beziehung auf eine harte Probe gestellt, als eines Tages ein Ruderboot an den Strand getrieben wird. Darin ein toter Mann und ein kleines Baby, ein wenige Monate altes Mädchen. Für Isabel die Antwort auf all ihre Gebete! Sie überredet Tom, das Kind zu behalten und gibt es als ihre eigene Tochter aus. Trotz seines schlechten Gewissens spielt Tom mit. Ein schrecklicher Fehler!

Erst Jahre später erfahren sie, welche Tragödie sie damit ausgelöst haben und Tom versucht, das Richtige zu tun.

ACHTUNG! SPOILER!

Aber was ist in dieser Situation, in der es nur Verlierer geben kann, das Richtige?

Der Leser wird nun Zeuge einer Tragödie, in der es nur Opfer zu geben scheint. Tom nimmt alle Schuld auf sich und sieht sich den rechtlichen Konsequenzen gegenüber. Isabel ist am Boden zerstört und leidet – und obwohl sie Täterin ist und bestimmt nicht unschuldig, leidet man mit ihr. Das wahre Opfer ist jedoch Lucy, das kleine Baby, das inzwischen ein Kleinkind ist und die Welt nicht mehr versteht. Auch für die leibliche Mutter, Hannah, das ursprüngliche Opfer, ist das Martyrium noch längst nicht vorbei: Für ihre Tochter ist sie eine Fremde! Das Kind begegnet ihr mit offener Ablehnung.

Beide Frauen werden auf unterschiedliche Art und Weise vor die Wahl gestellt, das Kind zu seinem eigenen Wohle aufzugeben – die eine aus rechtlichen Gründen gezwungen, die andere um das Glück ihres Kindes willen. Wie wird es am Ende ausgehen?

 

Persönliche Meinung

Das Buch hat mich wahnsinnig berührt und ich habe im letzten Drittel Rotz und Wasser geheult. Während ich gleichermaßen mit beiden Frauen mitgelitten habe und ebenso wie die Charaktere emotional wie moralisch im Zwiespalt gesteckt habe, konnte meine kinderlose Freundin kein Mitleid für Isabel, die Kindesentführerin, aufbringen.

Hier stellt sich mir die Frage, ob man vielleicht selbst Mutter sein muss, um den Zweispalt wirklich nachvollziehen zu können. Ich bin mir fast sicher, dass ich vor den Kindern ebenso wie sie gefühlt und Isabel verurteilt hätte.

Gute Menschen – schlechte Entscheidung

Das Szenario, das Autorin M.L. Stedman in diesem Buch entwirft, ist bewusst kein einfaches. Ob es richtig oder falsch ist, ein Kind zu behalten, das nicht das eigene ist, wird jeder sofort beantworten können: Falsch, natürlich! Doch wie immer sind es die Umstände, die zumindest Verständnis wecken und im Leser die Frage aufkeimen lassen „Wie hätte ich in der Situation gehandelt? Hätte auch ich mich von der Verzweiflung leiten lassen? Wäre ich wirklich so stark gewesen, das Richtige zu tun?“

Ich würde natürlich auch sofort sagen, dass ich es gemeldet hätte, das Kind abgegeben und weiter mit meiner persönlichen Katastrophe klarzukommen versucht hätte – ich war aber auch noch nie in einer solchen Situation, wie Isabel. Und wie oft habe ich schon gesagt, „Ich hätte das aber anders gemacht“ und habe überrascht mit ansehen müssen, dass es sich dann, wenn es soweit ist, alles ganz anders gestaltet.

Gesetze vs. Menschen?

„Wenn es um ihre Kinder geht, bestehen Eltern nur noch aus Instinkt und Hoffnung. Und Angst. Regeln und Gesetze werden geradewegs über Bord geworfen. Das Gesetz ist das Gesetz, aber Menschen sind Menschen.*”

(“When it comes to their kids, parents are all just instinct and hope. And fear. Rules and laws fly straight out the window. The law ist he law, but people are people.“ – S. 328, Kapitel 30).

Ich finde das ist eine sehr zutreffende Beschreibung des Elternseins. Und auch wenn ich mich als eine moralische und gesetzestreue Bürgerin sehe, war ich dennoch noch nie in einer so verzweifelten Situation, in der ich all dies infrage stellen musste – und ich hoffe, dass ich auch nie in eine solche komme.

Eine Tragödie, in der es, egal mit welcher Entscheidung, keine Gewinner hätte geben können. Ein Drama, das aus der schieren Verzweiflung einer ansonsten rechtschaffenden Frau geboren wurde. Trotz des eher schmalzigen Titels kann ich euch „Das Licht zwischen den Meeren“ („The light between oceans“) unbedingt empfehlen und ich bin gespannt, auf eure Meinung:

Ist Isabel die Böse, oder ist sie auch ein Opfer? Was meint ihr, macht es einen Unterschied, ob man das Buch als Mutter, Vater oder Kinderlose/r liest?

 

*Anm. der Autorin: Dieser Teil wurde selbst ins Deutsche übersetzt und ist nicht (wissentlich) aus der deutschen Version des Buches entnommen.

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