Die eiligen drei Könige

Auf der Jagd nach dem weißen Vogel. Im Schnee.

Es war die Nacht vor Heiligabend und es war kalt. Richtig bitterkalt. So kalt, dass ich die Abendrunde mit dem Hund nur auf das Nötigste beschränken wollte. Hund, selbst kein Fan von Nässe und Kälte, war d’accord. Also schnell die Straße runter. Alles war weiß und der Schnee knirschte unter meinen Stiefeln. Es glitzerte überall – weiße Weihnacht, ganz so, wie es sein sollte.

Der Vogel sagte leise „Piep.“

Auf unserem Rückweg fiel mein Blick auf einen Busch. „Lustig! Der Schneezapfen sieht wie ein Vogel aus!“, dachte ich. Und sah genauer hin. Das WAR ein Vogel. Ein weißer Vogel im weißen Schnee in einer saukalten Winternacht! „Lebt der noch, oder ist der schon erfroren?“, fragte ich den Hund. „Wuff?“, fragte er zurück und fragte dann den Vogel. „WUFF?“ Der kleine geflügelte Freund zuckte merklich zusammen und sagte leise „Piep.“

„Jetzt aber schnell!“, rief ich und rannte mit dem Hund die Straße (die ein Berg ist) hoch. Ich renne normalerweise nie, darum bot ich wohl schon einen seltsamen Anblick. Durch den Schnee ging es ab ins Haus.

Zu viel Glüh im Wein?

„Da.. *japs* sitzt… *hust* ein Vogel im Busch!“, keuchte ich. „Ein weißer. Ich glaub, ein Wellensittich.“ Meine Eltern sahen auf und musterten mich, wie ich mit Schneestiefeln, dick eingemummelt mitsamt Mütze und knallrotem Kopf vor ihnen stand (ich musste auch noch 2 Treppen hoch) und nach Atem rang. „Schnell! Vogel!“

„Hast du am Punsch genippt?“, entgegnete meine Mutter. „Zuviel Glüh im Wein?“, mutmaßte mein Vater. „Nein, wirklich! Da sitzt ein weißer Vogel im Busch und erfriert gerade! Wir müssen los!“

Der Hund hielt sich elegant zurück und versuchte, sich aus der Affäre zu ziehen – nicht, dass die Menschen noch auf die Idee kamen, ihn noch einmal in die Kälte zu jagen!

„Weißt du, wie kalt es draußen ist?“, fragte meine Mutter.

„Ja eben! Der erfriert! Haben wir noch den alten Vogelkäfig im Keller?“ Ich war ganz im Rettungsmodus.

Die eiligen drei Könige

Meine Eltern, überzeugt davon, dass ich mir den Vogel eingebildet hatte, beschlossen, meiner Geschichte Glauben zu schenken und machten sich daran, die Vogel-Rettungsutensilien zusammenzusuchen: Eine starke Taschenlampe, einen alten Vogelkäfig und einen Kescher, der eigentlich für Fische im Teich gedacht war. Der Hund durfte im Haus bleiben und wir zogen los, den Berg hinunter.

„Wie die heiligen drei Könige!“, lachte mein Vater. „Nur sind wir die eiligen drei Könige, auf der Suche nach dem weißen Vogel. Hört sich an wie ein echt schräger Roman…“

Am Ende der Straße angekommen, deutete ich auf den Busch. Gottseidank war der kleine Kerl noch da. Einmal, weil er bei der Kälte sonst keine Chance haben würde – und natürlich auch für meine eigene Credibility. Ich bin ja manchmal ein Scherzkeks, aber ich würde meine Familie nun wirklich nicht mitten in der Nacht zum Heiligabend in die Irre, die kalte, führen!

„Da! Da ist er! Da, auf dem Ast!“ Ich zeigte auf den Vogel.

„Tatsache!“, staunten meine Eltern. „Wie hast du den denn entdeckt? Hier ist doch alles weiß, der Vogel mit eingeschlossen!“

„Zufall. Oder Fügung.“

Einfangversuche

Nun kamen wir zum schwierigen Teil. Der Busch, in dem der Vogel saß, stand auf der andern Seite eines Grabens. Stand man im Graben, reichte der Kescher nicht aus, stand man auf der anderen Seite, musste man balancieren um nicht abzurutschen. Wir standen also mit Lampe und Vogelkäfig bewaffnet dort, während einer von uns balancierend versuchte, den Vogel in den Kescher zu bekommen, ohne ihn KO zu schlagen, vom Ast zu werfen oder allzu arg zu verschrecken.

Natürlich erschreckte sich der kleine Kerl, der wahrscheinlich schon mit seinem Leben abgeschlossen hatte, trotzdem. Aufgeregt flatterte er auf und versuchte, zu fliehen, doch bereits nach drei Metern ließen ihn seine Kräfte im Stich. FUMP machte es und der Vogel war in den Schnee geplumpst.

Und wenn es schon nicht einfach war, einen weißen Wellensittich im vollgeschneiten Geäst eines Busches zu entdecken, dann versucht mal, so einen kleinen weißen Gesellen im Dunklen auf einer total vollgeschneiten Wiese zu entdecken. Irgendwo musste er doch sein! Erschwerend kam hinzu, dass die Wiese eher ein Acker war und mit gefrorenen Maulwurfshügeln übersäht, die man aber unter der Schneedecke nur erahnen konnte.

Finde den weißen Vogel im Schnee. In der Dunkelheit.

Wer sich nun vorstellt, dass es wirklich total dämlich aussieht, wenn zwei dick eingepackte, quasi vermummte Personen mit einem Netz am Stock über eine verschneite Wiese irren und ständig stolpern, während eine dritte am Rand herumfuchtelt mit einer Taschenlampe in der einen und einem goldenen Vogelkäfig in der anderen Hand und schreit „Da! Da drüben! Da ist er! Nein, da! Noch etwas mehr nach rechts. RECHTS, Tanja. Das ANDERE Rechts! Da! Tritt nicht drauf! Hast du ihn?“ – der hat völlig Recht. Was müssen wir für ein Bild geboten haben!

Irgendwann war es dann so weit. Völlig entkräftet steckte das kleine Vögelchen in einem kleinen Schneeberg, halb erfroren und verängstigt. Nicht einmal der Kescher war noch notwendig. Wahrscheinlich hatte er bereits das Licht gesehen und sich darauf gefreut, endlich wenn auch nicht ins Warme, so doch ins Helle zu kommen. Aber das sollte ja nun auch geschehen, wenn auch anders, als der Piepmatz es sich vorgestellt hatte.

Ein neues Zuhause für den Weihnachtsvogel

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Quelle: Shutterstock, Suvat Sirivutcharungchit

 

Mit behandschuhten Händen setzte mein Vater das kleine Tier behutsam in den Käfig. Froh, dass unsere Rettungsmission geglückt war und in der Hoffnung, dass niemand diese beobachtet hatte, zogen die nunmehr vier durchgefrorenen Könige wieder den Berg hinauf.

Dort angekommen dimmten wir erst einmal die Lampen und legten ein Tuch über den Käfig. Das arme Tier sollte ja nicht gleich geschockt von den neuen Eindrücken von der Stange fallen. Wasser hatten wir, Vogelfutter musste am nächsten Tag gekauft werden. Aber im Moment war eh erstmal wichtig, den kleinen Kerl langsam aufzutauen. Auch wir brauchten erstmal einen Glühwein, um uns zu wärmen. Der Hund beobachtete neugierig den seltsamen Käfig, aus dem es erst zaghaft, dann schon etwas fröhlicher, zu piepsen begann.

Inzwischen war es Heiligabend geworden und unser kleines, weißes Weihnachtswunder hüpfte vergnügt von Stange zu Stange.

„Wie sollen wir ihn nennen?“ fragte ich.

„Noël.“, sagte mein Vater. Das französische Wort für Weihnachten.

 

Noël hatte von diesem Erlebnis leider ein Trauma davongetragen – oder einen leichten Frostschaden erlitten, vielleicht Gefrierbrand. Auf jeden Fall weigerte er sich für den Rest seines Lebens, seinen Käfig zu verlassen. Kurz nachdem die Tierärztin eine Herzschwäche bei ihm diagnostizierte, verstarb Noël: Drei Jahre nach unserer nächtlichen Rettungsaktion fiel er einfach von der Stange.

(Dies war übrigens noch lange bevor Facebook in Deutschland Einzug erhielt und meine Plakat-Such-Aktion nach dem Besitzer war erfolglos geblieben.)

 

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