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Ein Brief an die Frau, die ich war, bevor ich Kinder hatte

Schaukel - Brief an mein früheres ich

Eine späte Selbstkritik

Liebes früheres Ich,

kerr mann, ey. Was warst du ignorant. Und arrogant. Und kurzsichtig – und damit mein ich nicht deine Augen! Gut, du konntest es vielleicht nicht besser wissen. Du warst ja schließlich noch keine Mama.

Aber weißt du, während sich alle Welt über Mansplaining aufregt, ist das, was du getan hast, nicht viel besser. Nur muss es Momsplaining heißen.

Würde, täte, könnte

„Also, ich hab ja keine Kinder, aber…“ wie oft hab ich dich das sagen hören! Ich würde dies, ich täte das und jenes auf keinen Fall. Kinder zum Beispiel, die im Supermarkt kreischen und brüllen, wenn du nach einem harten Tag auf der Arbeit an der Kasse standest und einfach nur fertig warst! Kann man die nicht erziehen? Heute würde ich dir sagen: Sei froh, dass du gleich raus bist aus dem Laden, die arme Mama muss die wütende Brut noch den ganzen Abend ertragen.

Diese abgrundtiefe Müdigkeit, die nie so ganz verschwindet, hast du Gern-und Vielschläferin nicht gekannt. Die Geräuschkulisse aus kreischenden Kindern, bimmelnden, klingelnden, piepsenden, pupsenden und trötenden Spielzeugen, die langsam oder sicher den Geduldsfaden – auch den aus härtestem Kruppstahl – durchnagen. Die Nerven, die mit der Endlosschleife aus „Sind-wir-schon-da“, „Mama-weißt-du-wahaaas“ oder „Warum?“ wundgefragt werden.

Zwei Kinder sind keine Baustelle

Mein neues Ich mit Soße auf dem Kopf

Das neue Ich hat manchmal Soße auf dem Kopf.

Du kanntest Lärm und nervige Kollegen.

Natürlich, Baustelle ist auch kein Wellnesstempel. „Wenn ich ne Baustelle mit 120 Mitarbeitern – davon 80 Japaner – gewuppt kriege, werden zwei Kinder doch wohl ein Klacks sein!“ Ganz besonders an den Spruch erinnere ich mich täglich. Ach, Frollein, du hattest echt die Weisheit mit Löffeln gefressen.

Oder diese ganzen anderen Vorurteile!

Wie läuft die denn rum? Also bitte! Totale Selbstaufgabe, oder was?! Warum laufen Mütter kleiner Kinder ständig mit angesabberter oder bespuckter Kleidung rum? Kann man sich nicht wenigstens wenn man aus dem Haus geht was Sauberes anziehen?

Nun, meine Liebe, Stichwort Sisyphos! Weil einfach alles besabbert und bespuckt wird. Egal, was du anziehst, in Nullkommanix ist ein Fleck drauf. Und wenn es kein Sabber oder Milchspuck ist, ist es ein durchgekauter Keks, ein Popel oder irgendein Schmutz von irgendwoher. Und selbst wenn der Schrank noch was hergibt: Wozu? Es wird ja eh wieder dreckig.

Vom Warum-Marathon

Wie kann man bitte von seinem Kind genervt sein? Wie kann man seine neugierigen „Warum“-Fragen mit „Darum“ oder „Weil das so ist!“ beantworten? Wie respektlos! Eine Mutter, die ihre Kinder anschreit? Überfordert – ü-ber-for-dert, sag ich!

Ja, nee, is klar. Weißt du, nach dem drölfzigtausendsten Warum bekommt jedes Mutterhirn einen Knoten. Denn nicht immer ergeben die Warum-Fragen Sinn, nicht immer gibt es eine sinnvolle Antwort. Und in der Frage-Phase kann es mitunter vorkommen, dass man den Warum-Marathon an drei Tagen hintereinander spielt – gefühlt ohne Pause. Das kommt schon einer Foltermethode gleich.

Überforderte Mütter?

Und weißt du, die Sache mit der Überforderung: Keine Mama steht auf und denkt sich „Hey, heute ist der perfekte Tag, um die Kids mal so richtig anzuschreien! Harr-harr! Denen geb ich!

Keiner weiß, das wievielte Mal Mama nun schon etwas wiederholen muss. Keiner weiß, wie wenig sie geschlafen hat, wie dünn die Nerven sind. Keiner weiß, ob sie Sorgen hat, die die liebende, geduldige Mutter in ihr gerade in die Ecke drängen. Keiner weiß, wie viel Arbeit sie hinter sich und noch vor sich hat. Und auch als Mama sind 24 Stunden oft viel zu wenig Zeit, sich wirklich um alles zu kümmern. Besonders, wenn man arbeiten muss.

Ist eine Mama, die ihre Kinder anschreit, überfordert? Ja, klar. So wie jeder von uns mal mit der einen oder anderen Situation überfordert ist. Klar, Kinder anschreien ist nie gut, sollte auch nicht ständig geschehen – und dann gibt es noch anschreien und anschreien. Trotzdem sind Mütter – man glaubt es kaum – Menschen. Und die haben manchmal ganz dünne Geduldsfäden.

Erziehung? Kann ich!

Kinder die sich auf den Boden werfen, wenn sie ihren Willen nicht bekommen… Muss das sein? Schon mal was von Erziehung gehört?

Oh ja, liebes früheres Ich! Das habe ich tatsächlich auch noch nach dem ersten Kind gesagt. Denn Locke hat sich nie auf den Boden geworfen. Klar, auch der hat mal Wutanfälle – kein Zorn ist so groß wie der eines Kleinkindes – oh, einmal, da hat er sich hingeworfen, Gesicht nach unten, und den Schnee angeschrien. Er durfte die völlig vereiste Rutsche nicht herunterrutschen. Aber im Supermarkt oder in der Stadt? NIE. Macht meiner nicht. Erziehung? Kann ich!

Brief an mein früheres Ich - Wutanfall Kleinkind

Und dann kam Zwockel. Der kann sich das mit dem Hinwerfen nie abgeschaut haben, denn wir haben mit ihm nie ein Kind gesehen, das das machte und auch der große Bruder – wie gesagt – tut das nicht. Aber Zwockel. Der legt einen lehrbuchreifen Tobsuchtsanfall im Laden hin. Nur, weil er nicht mit Weichspüler oder Konserven werfen darf.

Inzwischen seh ich das positiv. Immerhin werfen sich 50% meiner Kinder nicht vor Wut auf den Boden! Die Quote kann sich sehen lassen.

Hättest du das Abenteuer Kind gewagt, früheres Ich?

Liebes früheres Ich, wenn du das alles vorher gewusst hättest, hättest du dann Kinder bekommen?

Wenn du gewusst hättest, welch extreme Ausmaße Müdigkeit annehmen kann? Dass du deine Zuverlässigkeit verlierst und ständig alles vergisst? Wenn du geahnt hättest, wie sehr du dich manchmal nach der „Stille“ der Großbaustelle zurücksehen würdest? Wenn du gesehen hättest, wie es hinter der Fassade von so einigen ach so glücklichen Müttern aussieht? Die Einsamkeit, der Stress, der Schlafenzug, die ganze Sisiphos-Arbeit? Wie extrem die Angst sein kann, die man spürt, wenn dem Kind etwas zustößt, es schwer erkrankt oder irgendwie bedroht wird?

Aber hey, weißt du. Das ist nicht alles! Denn das Schöne wiegt es tatsächlich auf!

Du hattest bis dahin nämlich auch keine Ahnung, wie tief Liebe gehen kann. Wie man sich einem kleinen Wesen, das locker in eine Armbeuge passt, völlig verschreiben kann. Sie geben einem tatsächlich so viel zurück!

Danke, liebes unwissendes, altes, ausgeschlafenes Ich

Wie schön es ist, eine kleine Hand in meiner zu halten! Wie wundervoll, wenn mir nachts unvermittelt ein „Ich hab dich lieb!“ ins Ohr geflüstert wird. Wenn mir kleine speckige Ärmchen um den Hals gelegt werden, die sabberigen Schmatzer, das unbeholfene Streicheln, das die mühevoll in Ordnung gebrachten Haare in Nullkommanix zerstört und mich aussehen lässt, als hätten zumindest meine Haare die Nacht unter der Brücke verbracht. Talking about Sisyphos!

Nein, du hast keine Ahnung, wie wunderschön es ist, eine Mama zu sein. Du wirst ein völlig neuer Mensch, genauso neu geboren, wie dein Kind.

Liebes früheres Ich, ich bin jeden Tag dankbar, dass du das Abenteuer Kind gewagt hast.

Kurze Notiz am Rande: Die Autokorrektur schlug mir statt „angesabbert“ das Wort „angezaubert“ vor. Und wenn man es so sieht, ist die Sache mit den schmutzigen Pullis gar nicht mehr so schlimm…

1 Antwort
  1. Kristina Dinges
    Kristina Dinges says:

    Was für ein Text. Ich erinnere mich auch noch gut daran mich sagen zu hören. „Ich habe zwar noch keine Kinder, aber…“
    Nun habe ich einen Sohn, er ist gerade mal 6 Monate alt und ich denke schon jetzt, dass ich mir damals überhaupt gar kein Urteil erlauben hätte dürfen. Ich verstehe nun auch die Aussage der Mütter, dass dies nur „Eltern“ verstehen können.

    Liebe Grüße Kristina von KDsecret

    PS: Momentan gibt es bei mir ein kleines Gewinnspiel

    Antworten

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