Geschwister – ein Bauch, zwei Charaktere

Jedes Kind ist anders – so weit, so klar. Doch selbst mich als Mama überraschen die Unterschiede immer wieder. 

Vom Gesicht her ähnlich, hat der eine Locken, der andere glatte Haare, der eine ist schlank, der andere eher kernig. Soviel zu den Äußerlichkeiten. Was mich jedoch am meisten beeindruckt, sind die charakterlichen Unterschiede. Immer wieder wundere ich mich „Mensch, die sind doch aus ein und demselben Bauch! Wie können die so unterschiedlich sein?“ Wüsste ich‘s nicht, ich würd nicht glauben, dass es Brüder sind!

Locke – der Beobachter

Unser Erstgeborener ist ein Beobachter. Das fiel schon im PEKiP auf: Er besah sich seine Umwelt genau und auch, was die anderen Babys so tun, bevor er selbst einen Versuch startete.

 

„Ein unbekannter O-Ball? Erstmal gucken, was das Ding so tut. Hm. Liegt rum. Okay. Was machen die anderen damit? Spielen. Na gut, scheint sicher, ich probier’s mal!“

 

Locke ist eher ängstlich. Ist er unsicher, knetet er seine Händchen und man sieht es förmlich in seinem Kopf arbeiten. Er evaluiert jede Situation und ist sehr nachdenklich. Oft überrascht er uns mit sehr ernsten Fragen, die ihn beschäftigen. Er ist noch keine vier Jahre alt, macht sich aber schon Gedanken über das Leben und den Tod.

 

„Wo war denn Zwockel, bevor er in deinem Bauch war?“

„Wenn man tot ist, wo ist man dann?“

„Wenn man tot ist, geht man dann dahin zurück, wo man war, bevor man geboren wurde?“

„Wenn ich mal nicht mehr lebe, kann ich dann zu dir zurückkommen?“ (Taschentuchalarm!!!!)

 

Doch nicht nur das. Er ist auch sehr unkompliziert und gehorsam. Ein Wut- oder Trotzanfall lässt sich in den meisten Fällen mit Verständnis und Ruhe auflösen. Selten steigert er sich so sehr hinein, dass er nicht mehr erreichbar ist – und dann muss man ihn einfach in Ruhe wüten lassen.

Sagt man einmal „Nein!“, akzeptiert er es (noch) ohne zu murren. Die Scheibe des Backofens anfassen? Nein! Das ist HEISS! Wirkt bis heute.

Ganz besonders unterscheidet er sich von seinem Bruder beim Schlafen. Locke hat das Thema Schlaf zu einer Kunstform erhoben. Auch wenn er unlängst selbst seinen Mittagsschlaf abgeschafft hat, hat er dennoch verstanden, dass ihm Schlaf gut tut. Es kommt sogar vor, dass er darum bittet, doch eher ins Bett zu dürfen.

Die Nächte, die ich mit ihm durchwachen musste, kann ich an einer Hand abzählen.

Locke, der Ruhige.

Zwockel – der Draufgänger

Eine andere Geschichte ist unser Kleiner. Inwieweit er ein Denker ist, kann ich noch nicht sagen, da er mit Anderthalb gerade erst zu sprechen beginnt. Klar ist aber: Ängstlich ist der nicht. Zwockel kann laufen, seitdem er 10 Monate alt ist und von Geburt an war eines klar: Das Kind hat einen Plan.

Er konnte bereits sehr früh sein Köpfchen halten und nutzte jede Möglichkeit zum üben. Entspannt irgendwo liegen? Fehlanzeige! Man hatte immer das Gefühl, dass er übte, übte und übte.

Zwockel beobachtet nicht lange – der macht einfach. Er klettert und läuft, um sein Ziel zu erreichen. Und er weiß, was er will. Und das will er dann auch – keine Kompromisse!

Ein „Nein“ interessiert einen Zwockel nicht. Will er die Scheibe des Backofens anfassen, tut er das auch (zum Glück wird DIESE nicht wirklich heiß – das ist nur nicht bei jedem Backofen so). Will er etwas haben, wird er sein Möglichstes tun, um es zu bekommen.

Schlafen? Zeitverschwendung! Schließlich gibt es noch sooo viel zu entdecken! Gegen den Schlaf wird immer gekämpft – mal mehr, mal weniger, aber gekämpft wird immer. Die Nächte, an denen er durchgeschlafen hat? Kann ich an einer Hand abzählen!

Der tennisspielende Rennfahrer.

Schon die Schwangerschaften waren unterschiedlich

Wenn ich es mir recht überlege, waren auch die Schwangerschaften sehr unterschiedlich. Bei Locke war es die erste, aufregende Schwangerschaft – da las ich jeden Tag in meinem Buch nach, welche Entwicklungsschritte mein Sohn machte. Eine App erinnerte mich zusätzlich täglich daran, was das Baby gerade schon konnte und was sich entwickelte. Jedes Ziehen, jedes Ziepen, jeder kleine Krampf – ein Anlass zur Sorge? Ein komisches Gefühl im Bauch? Was kann das sein?

Ich habe mir in meiner ersten Schwangerschaft, so überwältigend schön sie auch war, viele Sorgen gemacht, war oft ängstlich. Den kleinen Wurm zu verlieren wäre das Schlimmste gewesen – also überwachte ich akribisch jedes Blubbern, jede Bewegung im Bauch.

Auf der anderen Seite war ich dennoch entspannt. Ich hatte einen Job und war zuversichtlich, auch mit Kind wieder einen zu finden (darüber ich lache immer noch). Und wenn nicht – über die Brücke gehen wir, wenn wir da sind, erstmal ein Jahr Elternzeit genießen!

Überwältigend vs. unspektakulär

In der Schwangerschaft mit Zwockel war klar: Der Arbeitsmarkt mag keine Mütter. Von 80 Bewerbungen kamen 80 Absagen – die Unterlagen waren genau bis zu der Seite gelesen worden, auf der stand, dass ich ein Kind habe. Und nein, es lag nicht an der Qualität meiner Ausbildung oder der Bewerbungsunterlagen.

Also machte ich mich mit Sarah selbstständig. Die Gründerei war langwierig und schwierig und kompliziert. Mehr als eine Nacht lag ich wach – ich bin nämlich eigentlich gar nicht der Typ für’s Selbstständigsein. Ich brauche immer Netz und doppelten Boden, einen Arbeitsvertrag und zum Tag X das Gehalt auf dem Konto. Aber was konnte es schon schaden?

Die Schwangerschaft verlief ähnlich unkompliziert wie die erste. Zu Beginn machten mir extreme Müdigkeit und Übelkeit das Leben schwer, aber nach der 12. Woche ging das vorbei. Jedes Ziepen und Zwicken war mir nun schon bekannt und ich bekam keine Panikattacken mehr, wenn das Kind sich mal für einen Tag nicht bewegte.

Ich war diesbezüglich entspannter – aber auch enttäuscht. Die Schwangerschaft, auf die ich mich so gefreut hatte, verlief nicht so wundersam und überwältigend wie die erste. Es war unspektakulär. Ich kannte schon alles und war einfach nur ungeduldig – ich konnte den Geburtstermin gar nicht erwarten:

Schwangersein? Jaja, schön, hatte ich schon. Ich will jetzt endlich den Bauchzwerg kennenlernen! Noch WIEVIEL Wochen? Oooooorrr! Hoffentlich ist es bald soweit!

Das Huhn und das Ei

Und da erkenne ich zu 100% unseren Zwockel wieder.

Liegt es an den Schwangerschaften, die so unterschiedlich waren – also: An mir? Oder liegt es an den unterschiedlichen Charakteren, die vielleicht selbst schon früh die Schwangerschaft beeinflusst haben? Sind es die Gene? Gibt es tatsächlich ein Ungedulds-Gen (hab ich!), oder hat der Zwockel das nur von mir gelernt?

Ich werde es nie herausfinden – aber spannend ist es allemal! Ich beobachte weiter… und werde täglich aufs neue überrascht!

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  1. […] Locke ist ein Denker. Ein Kopfkind. Ein vorsichtiger Beobachter. Er macht sich schon seit jeher viele Gedanken. Bereits […]

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