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In Seenot – wie ich mein Kind und mich vor dem Ertrinken bewahrte

Ein Gastbeitrag von Sonja

Beim Kinder-Notfallkurs einer größeren Krankenkasse (nicht zu verwechseln mit einem Erste-Hilfe-Kurs am Kind) habe ich gelernt, dass das Beste und Wichtigste für Eltern in Notfallsituationen ist, die Ruhe zu bewahren. Egal ob Sturz, Verbrennung oder ein anderweitiger medizinischer Notfall: Das Kind wird in dieser Situation Angst genug haben. Die Aufgabe des Erwachsenen – und da ist es natürlich egal, ob Mama, Papa, Oma, Opa oder Ersthelfer – ist es, zu beruhigen, Ruhe und Zuversicht auszustrahlen und so dem Kind zu zeigen: Ich bin da. Alles wird gut.

Wie wichtig es sein kann, die Ruhe zu bewahren und das Kind nicht durch die eigene Panik zu gefährden, zeigt unser Gastbeitrag von Sonja, 53 Jahre alt, Mutter zweier Kinder, aus Berlin. Auch ihre Tochter kommt zu Wort und erzählt den Vorfall aus ihrer Sicht.

 

Wir waren damals mit meinen Eltern im Urlaub auf Mallorca. Meine Tochter war 7 oder 8 Jahre alt, das ich weiß nicht mehr so genau.

Bisher kannte ich nur das Mittelmeer an der Costa Dorada (Nordspanien) und der Adria-Küste. Wenn dort ein bisschen mehr Wellengang ist, ist das nicht gefährlich, macht nur mehr Spaß. Als es also eines Tages richtig schöne Wellen gab, ging ich mit meiner Tochter ins Wasser. Sie konnte zwar schon schwimmen, aber das Meer ist schon etwas anderes als ein ruhiger Pool und sie trug immer Schwimmflügel, wenn wir hineingingen.

Gefährliche Unterströmung

Wir paddelten also so ein bisschen im Wasser herum, als ich plötzlich merkte, dass wir ziemlich abgetrieben waren. Wir befanden uns viel weiter draußen, als ich gedacht hatte. Für mich hatte es sich angefühlt, als blieben wir auf der Stelle. Leider bin ich sehr kurzsichtig und ohne meine Brille kann ich Entfernungen nicht richtig abschätzen, daher bemerkte ich es nicht sofort.

Die Wellen waren inzwischen auch unbemerkt höher geworden, es fiel mir Beides im gleichen Moment auf. Also dachte ich: „Jetzt machen wir uns mal lieber auf den Weg zurück!“ und stellte dann fest, dass das nicht ging. Trotz Schwimmbewegungen blieben wir im besten Fall auf der Stelle. Mir war klar, dass wir immer weiter hinausgezogen werden würden. Die Wellen klatschten meiner Tochter mittlerweile munter ins Gesicht und ich hoffte, dass sie keine Angst bekäme. Ich selbst spürte Panik in mir aufsteigen und überlegte, wann wohl der richtige Moment sei, um Hilfe zu rufen. Noch ein bisschen weiter draußen und man müsste schon ganz schön schreien, bis man überhaupt gehört würde, schließlich ist es am Strand auch nicht leise. Würde ich um Hilfe schreien, würde natürlich auch meinem Kind klar, dass das hier kein Spaß mehr war. Also versuchte ich, Ruhe zu bewahren.

Das rettende Seil

Trotz meiner aufkeimenden Panik bekam ich mit, dass die Wellenströmung nach links ging, wo vor uns der abgesperrte Bereich für die Bananen und Boote lag, was ich sofort als meine Chance begriff. Wenn ich dort hingelangen könnte und das Seil zu fassen bekäme, könnten wir uns daran entlang bis zum Strand ziehen.

Wir waren allerdings schon ein gutes Stück dahinter – also wirklich schon ein ziemliches Stück vom Strand entfernt. Ich sah meine Chance: Ich sagte meiner Tochter, dass Sie immer mit der nächsten Welle einen kräftigen Schwimmzug machen sollte und gab ihr jedes Mal dabei einen unterstützenden kräftigen Stoß. Während des Rücksoges machte ich so kräftige Schwimmzüge, wie ich konnte und schubste mein Kind immer weiter vor mir her. Die Wellen klatschten über ihrem Kopf zusammen und ich danke Gott, dass sie immer noch keine Angst bekam, im Gegenteil, sie arbeitete gut mit!

Als ich merkte, dass es funktionierte und wir tatsächlich der Absperrung näher kamen, wurde ich ruhiger. Zum Glück bin ich eine gute Schwimmerin und die Angst verlieh mir zusätzlich Kraft. Endlich bekamen wir das Seil zu fassen und zogen uns daran entlang bis zum Strand, was wegen der Unterströmung immer noch schwer und anstrengend war. Stehen konnte man ja noch nicht.

Wäre das Seil nicht gewesen, hätte ich um Hilfe schreien müssen, denn wir hätten es vermutlich nicht allein geschafft, zum Strand zurück zu kommen! Ob uns überhaupt jemand über die Entfernung gehört hätte? An einem Strand ist es nicht gerade leise. Rettungsschwimmer, die die Menschen im Meer beobachteten, gab es nicht.

Nicht alle hatten so viel Glück wie wir

Wie ich am nächsten Tag erfuhr, sind im Nachbarort etwa zur gleichen Zeit fünf Menschen ertrunken: Eine ganze Familie! Die Erste war in Not geraten und hatte um Hilfe geschrien. Dann war einer nach dem anderen ins Wasser gegangen, um zu helfen, doch sie hatten keine Chance. Durch die Unterströmung wurden sie alle immer weiter hinausgezogen. Auch dort gab es keine professionellen Rettungsschwimmer.

Ein Einheimischer erzählte uns später, man hätte eine Menschenkette bis zum Strand bilden müssen, sonst habe man keine Chance! Somit war meine Entscheidung, mich am Seil der Absperrung entlangzuziehen, die einzig richtige und Gott sei Dank hatte es funktioniert!

Ich war körperlich und mental so fertig, nachdem ich wieder an Land war, dass ich am ganzen Leib zitterte und meinen Eltern gar nichts von meiner Not erzählte. Sie hätten sonst auch nur noch Angst um uns gehabt in dem Urlaub!

Mein Herz klopft heute noch wie verrückt, wenn ich daran denke und es bleibt ein gruseliges Gefühl, dem Tod wahrscheinlich nur so eben von der Schippe gesprungen zu sein. Ich bin erleichtert und voller Dankbarkeit, dass wir einen so guten Schutzengel hatten!

Keine Rettungsschwimmer, keine Fahnen

Kurze Zeit später wurde dieses Thema und die Zustände an den mallorquinischen Stränden im Fernsehen thematisiert. Es existierten tatsächlich an den meisten Stränden keine Bademeister oder Rettungsschwimmer, keine Rettungsboote, keine Rettungsringe. So wie auch an unserem Strand.In Sa Coma, dem Nachbarort, in dem die Familie ertrank, hatte angeblich die rote Fahne geweht, die besagt, man dürfe nicht ins Wasser gehen.

Zu dem Zeitpunkt, als ich mit meiner Tochter an unserem Strand ins Wasser ging, wehte allerdings keine Fahne – weder eine rote noch sonst eine.

Seitdem habe ich einen gehörigen Respekt vor dem Meer.. Ich bin verdammt froh, dass ich in der Lage war, klar nachzudenken und cool zu bleiben. Meine Tochter sagt bis heute, sie habe nichts davon mitbekommen, dass wir in einer gefährlichen Situation waren. Sie hatte in keinem Moment das Gefühl, dass wir in Gefahr waren, hatte das Ganze aber am Ende auch schon nicht mehr lustig gefunden.

Ruhe rettet Leben

Wäre ich in Panik geraten und hätte nicht mehr nachdenken können, wäre auch mein Kind in Panik geraten.

Körperliche Gegenwehr zusammen mit dem Sog hätte ich körperlich nicht bewältigen können! So schlimm dieses Ereignis für mich noch heute ist – es macht mich natürlich auch ein wenig stolz, dass ich einen kühlen Kopf bewahrt habe und so in der Lage war, unser beider Leben zu retten!“

So hat Sonjas Tochter das Ganze erlebt:

Dieser Urlaub ist mir nicht mehr oder weniger in Erinnerung geblieben als alle anderen Urlaube mit meiner Familie in der Kindheit.

Meine Mutter hat manchmal von diesem Erlebnis erzählt und immer wenn sie das tat, habe ich versucht mehr Erinnerungen abzurufen, aber es ist nie mehr geworden als ein paar Fetzen mit denen ich keine besonders tiefen Emotionen verbinde.

Meine Erinnerungen beginnen mit Wellen auf denen ich gleite. Es ist ein schönes Gefühl. Vor mir sehe ich meine Mutter. Sie hält mich an den Händen und wenn eine Welle kommt gleiten wir beide mit einem „Huiii…“ darüber. Dann schwappt mir eine Welle ins Gesicht. Es entsteht eine kleine Erinnerungslücke und dann ist das Wasser überall um mich.

Es tut mir nicht weh in den Augen, aber es schmeckt salzig in meinem Mund und obwohl ich es nicht schlucken will, muss ich es doch um weiter atmen zu können. Ich hänge in unruhigem Wasser, meine Arme werden von Schwimmflügeln gehalten. Es macht keinen Spaß mehr und ich verstehe nicht, warum ich vorher über den Wellen bleiben konnte, aber jetzt nicht mehr.

Vor mir im Wasser sehe ich wieder meine Mutter, den Blick nicht auf mich, sondern hinter mich gerichtet. Sie wirkt konzentriert. Ich weiß, dass sie auch nicht mehr im Wasser bleiben möchte und dass wir jetzt zurückkehren werden. Eine Weile schwimmen wir Richtung Strand und jede Welle schwappt mir über den Kopf, aber dann ist da plötzlich ein Seil neben uns und meine Mutter sagt ich sollte mich daran entlang ziehen. Das tue ich, aber es ist viel anstrengender als die Schwimmbewegungen im Wasser. Ich muss mich sehr festhalten, weil ich ständig nach hinten gezogen werde. Mama schubst mich immer wenn eine Welle über meinen Kopf schwappt, damit ich mit einem Arm nachgreifen kann.

Wieder entsteht eine Erinnerungslücke und wir sind am Strand. Mama hält mich an der Hand und läuft zielstrebig über den warmen Sand. Mir ist kalt und schlecht. Noch während meine Mutter mich über den Strand zieht muss ich mich übergeben. Es brennt in meinem Hals und hinterlässt einen bitter-salzigen Geschmack im Mund.

Angst spielt in meinen Erinnerungen keine Rolle. Das schlimmste Erlebnis in meiner Erinnerung ist, dass ich mich am Strand übergeben habe. Wenn ich heute im Meer schwimme, habe ich nicht mehr oder weniger Respekt davor, wie alle anderen auch.

5 Antworten
  1. Mama will Schoko
    Mama will Schoko says:

    Hallo! Als ich den Beitrag gelesen habe, war ich voller Bewunderung für diese Mama. Und gleichzeitig hat mich das an mein eigenes Erlebnis erinnert im Meer. Ich habe es nicht geschafft, keine Panik zu bekommen, zum Glück war ich damals noch ohne Kind. Aber Mama-sein setzt ordentliche Kräfte frei. Danke für diesen tollen Gastartikel!

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  2. Melanie
    Melanie says:

    In der selben Situation war ich als Kind auch mit meinem Vater, allerdings hatte ich Angst. Und als ich vor einigen Jahren gefragt hab, ob ich als Kind die Lage nur erst empfunden habe oder ob tatsächlich so ernst war, bekam ich zur Antwort dass es todernst war.
    Gott sei dank haben wirs geschafft.
    Seither habe ich größten Respekt vor Meer und Wellen.

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