Kleinling#2 kommt ins Krankenhaus

Eine Chronik.

Wie ihr bereits Anfang Dezember bei uns gelesen habt, war ich mit meinem kleinen Jungen im Krankenhaus. Es war nichts dramatisches, der junge Mann hatte einen Hodenhochstand, aber aufregend war es schon. Auch wenn es eine Routine-OP für die Ärzte ist, machen sich die Eltern ja trotzdem immer Sorgen. Wie wir den Tag erlebt haben, habe ich in einer kleinen Chronik für euch festgehalten.

4:45 Uhr

Kleinling#2 schreit nach seinem Fläschchen. „Verd*mmt!“, fluche ich. Eine Stunde zu früh! Er soll um 12 Uhr operiert werden und darf bis 6 Uhr nochmal essen. Natürlich wollte ich das möglichst lang herauszögern. Egal. Muss er dann durch. Er hat halt jetzt Hunger.

6:30 Uhr

Aufstehen. Habe noch einiges vor. Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, alles tipptopp fertig vorbereitet zu haben, habe ich unsere Sachen lediglich in einem Wäschekorb gesammelt. Da wir erst um 9:30h losfahren müssen, muss ich massig Zeit totschlagen.

7:00 Uhr

Wohnzimmer aufgeräumt, Kindergartenfrühstück für Kleinling#1 fertig gemacht, Rucksack gepackt.  Jetzt noch den Koffer fürs Krankenhaus packen und dann 2 Wäschekörbe wegfalten.

7:30 Uhr

Kleinlinge wecken, den Großen anziehen, Zähneputzen und wo ich schonmal im Bad bin, kann ich auch gleich mal mein Gesicht aufsetzen (andere Leute nennen das schminken) und mich fertig machen.

7:40 Uhr

Der Ehemann kratzt das eine Auto frei, um zum KiGa zu starten.

7:50 Uhr

Der Ehemann will gerade los, als das Telefon klingelt: Die Klinik! Eine OP wurde abgesagt, ob wir schon eher kommen könnten. Eher? Also: JETZT. Uff. So war das nicht geplant!

8:10 Uhr

Ich schnappe mir Kleinling#2 und ziehe ihn an. Zähnchen putzen, fertig. Der Ehemann, zurück vom KiGa, kratzt das andere Auto frei.

8:20 Uhr

Wir fahren los. Spätestens um 9h sollen wir da sein. Der (Berufs-)Verkehr stockt. Der Kleinling kräht fröhlich im Kindersitz. Verd*mmt! Meine Handtasche liegt noch zuhause!

8:50 Uhr

Parkplatz verzweifelt gesucht!

9:00 Uhr

Punktlandung! Wir stehen vorm Schwesternzimmer! „Puuuuh“, sagt man. Es könne noch dauern. Bitte erstmal ins Wartezimmer.

Bitte? Wir sollten doch schnell, ganz schnell, kommen! Man teilt uns mit, es sei leider eine dringende Not-OP dazwischengekommen. An einem 2 Tage alten Baby. Da kann man sich nicht mal aufregen – ärgerlich für uns, aber schrecklich für die Eltern des Neugeborenen und das Kind selbst. Wir drücken die Daumen!

9:30 Uhr

Wir richten uns im Zimmer ein. Absolut wunschgemäß: Am Ende des Ganges, in einem ruhigen Seitenarm, liegt unser Einzelzimmer (Kleinling#2 hat’s ja nicht so mit dem Schlafen und braucht eine möglichst ruhige Umgebung)! Fantastisch! Die Schwester zeigt uns, wo was ist und der Kleinling findet sein neues Zimmer spannend und rennt aufgeregt auf und ab.

10:00 Uhr

Wir beschließen, ein wenig im Haus spazieren zu gehen.

10:45 Uhr

Wieder auf dem Zimmer. Der Kleinling bekommt langsam Hunger und schielt gierig auf meine Beine. Vielleicht ein kleiner Happs…

11:00 Uhr

Ich plane, den Kleinling mit einem Bilderbuch abzulenken. Das habe ich nach Zufallsprinzip aus unserer privaten, gut bestückten Kinderbücherbibliothek ausgewählt. Ich schlage es auf und sehe, wem es vorher gehört hat – eine liebe, so liebe Freundin hatte es mir als Kind geschenkt. Sie starb 2004 bei einem Unfall. „Guckst du von oben zu und passt auf meinen Jungen auf?“, schießt es mir durch den Kopf und zwei dicke Tränen bahnen sich ihren Weg. Sie fehlt noch immer.


11:20 Uhr

Bilderbuchgucken musste aufgrund eines drohenden Tränen-Deichbruchs vertagt werden. Der ungeduldige Kleinling hat bereits jetzt alle Spielzeuge durchgespielt und schon einen ersten Fluchtversuch unternommen. Da lehnt man mal für 10 Sekunden die Tür an!

11:30 Uhr

Ein Arzt des OP-Teams kommt herein – Mann, sieht der müde aus! – und geht mit uns erneut die Checkliste des Voruntersuchungstages durch. Um 12:30 geht‘s los! Ich male dem Kind mit Kugelschreiber ein fettes X auf die linke Bauchseite – sicher ist sicher.

11:45 Uhr

Das Kind ist auf Papas Arm eingeschlafen. Wie auf Eierschalen tapsen wir leise umher.

12:30 Uhr

Nichts passiert.

12:45 Uhr

Kleinling wacht auf. In der Zwischenzeit hat jemand, der nicht wusste, dass hier nicht gegessen werden darf, ein Tablett mit Essen ins Zimmer gestellt. Wie gemein! Der Kleinling protestiert lautstark und will endlich was zu beißen, zu lutschen, zu trinken – egal! Gebt mir was zu futtern!

13:10 Uhr

Es geht los! Das Kind bekommt etwas zur Beruhigung, die Mama bestellt sich auch eine Portion – vergeblich. Menno.

13:20 Uhr

Im Vorbereitungsraum des Kinder-OP-Traktes. Die OP-Schwester malt neben mein Kreuz einen dicken Pfeil auf den Bauch des Kindes. Mann, die gehen aber echt auf Nummer sicher hier. Ich weiß nur nicht so recht, ob mich das beruhigen soll.

13:25 Uhr

Warten auf Godot. Oder den Anästhesisten. Auf irgendwen. Der Kleinling auf Beruhigungsmittel ist in etwa so ruhig, wie andere Kinder im Normalzustand. In Babysprache lallend, kräht er laut durch die Etage und entzückt so die Pflegerschaft. „Wenn wir den mal vom Schützenfest abholen, müssen wir immer dahin, wo einer am Lautesten pöbelt!“, orakelt der Ehemann.

13:30 Uhr

Das winzige Notfall-Baby, voller Infusionsschläuche, wird an uns vorbei zur Intensivstation gebracht. Mir kullert eine Träne die Wange herunter und ich fühle mit den Eltern. Kein Ärger über die lange Wartezeit, das hier war wichtiger. Was ist schon Wartezeit gegen ein Leben?

13:40 Uhr

Der Anästhesist ist da (doch nicht Godot, heißt aber so ähnlich). Erneut kauen wir die Checkliste durch. Warte darauf, dass ein blinkender Neonpfeil auf Juniors Bauch montiert wird.

13:50 Uhr

Es geht los. Wir dürfen beim Narkotisieren dabei sein, Händchen halten und noch ein letztes Küsschen geben. Dann geht‘s los. Härter als gedacht! Ich wische noch ein paar Tränen weg.

14:00 Uhr

Im Aufzug bemerke ich erstmals, dass ich so hungrig bin, dass ich ein Nilpferd auf Toast essen könnte. Auch wir haben noch nicht gefrühstückt. Wir beschließen, in einem nahegelegenen Restaurant (in der Cafeteria werde ich in den kommenden Tagen noch oft genug essen) einen Happen zu uns zu nehmen. Der „Happen“ entpuppt sich als üppiges Schnitzel, zum Nachtisch Schokokuchen. Man muss die Nerven ja beruhigen.

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15:00 Uhr

Zurück im Krankenhaus trinken wir einen Kaffee in der Cafeteria und starren auf das OP-Handy, das unser direkter Draht zu unserem Söhnchen ist. Wenn etwas ist, werden wir sofort benachrichtigt. Wir diskutieren über die neuesten weltpolitischen Ereignisse.

 15:30 Uhr

Wir starren stumm auf unseren inzwischen kalten Kaffee. Und das Handy. Kaffee. Handy. Wie es unserem Schatz wohl geht? Die Zeit vergeht quälend langsam.

16:00 Uhr

Ich beginne, mir Sorgen zu machen.

16:01 Uhr

Das OP-Handy klingelt. Alles gut! Der  Zwerg ist wach und zwar im Erwachsenen-Aufwachraum. Der für Kinder hat schon zu, was wirklich doof ist, denn wir wollten beim Aufwachen dabei sein und das ist im Erwachsenen-Aufwachraum nicht möglich. Wir wollten, dass der Kleinling uns vor der OP als Letztes und als Erstes danach sieht. Naja. Es geht ihm gut, das ist das Wichtigste.

16:15 Uhr

Wir irren durch Klinik und suchen diesen verflixten Aufwachraum. Ein freundlicher Arzt kommt uns zur Hilfe. Wir müssen dahin, wo fett „KEIN ZUTRITT“ steht. Klar.

Wir sollen warten. Hinter der Tür zur Schleuse höre ich meinen Jungen weinen. Jede Faser meines Körpers will durch diese Tür. Wir warten… Ich höre eine Krankenschwester, die meinen weinenden Kleinling mit sanfter Stimme beruhigt.

16:25 Uhr

Da kommt mein Kind. Mein Junge, mein Baby, mein Mini-Männlein, mein Kleinling! Dicke Tränen kullern über seine Wangen. Am Bett hängt eine Tapferkeitsmedaille. Als der Kleinling uns sieht, beruhigt er sich augenblicklich. Erleichterung huscht über sein kleines Gesicht.

„Jetzt bin ich da und lasse dich nicht mehr allein!“, flüstere ich mit Tränen in den Augen. Und während das Kind beruhigt einschlummert, meinen Zeigefinger fest umklammert, bricht ein ganzer Ozean der Liebe über mich herein.

Was, frage ich mich, müssen erst Eltern durchmachen, deren Kind nicht einfach eine harmlose Routine-OP benötigt? Welche Ängste müssen erst die ausstehen, bei denen das Leben des Kindes auf dem Spiel steht? Die nicht sicher sein können, dass das Kind die OP übersteht? Wie müssen die Eltern des Notfall-Babys gelitten haben!

Und ich verspüre eine Welle der Dankbarkeit, dass hier und heute bei uns alles gutgegangen ist.

Möge es bei euch allen und euren Kindern auch so sein.

5 Antworten
  1. Pebbles
    Pebbles says:

    Ihr hattet einen sehr, sehr aufregenden Tag, dee Gott sei Dank erfolgreich zu Ende ging. Ich wünsch euch, dass ihr sowas nicht öfter erleben müsst.
    Hoffentlich gehts dem ganz ganz kleinen „Notfallbaby“ auch gut.

    Antworten
  2. Monika
    Monika says:

    Das hast du sehr schön geschrieben! Unsere Tochter wurde bis sie 1,5 Jahre alt war drei Msl operiert, die „große“ OP dauerte sechs Stunden. Es war fürchterlich!!!

    Antworten

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  1. […] Auch beim Zwockel war mein Bauchgefühl stark und unbeugsam. Zwockel kam mit einem Hodenhochstand auf die Welt. Mein Bauchgefühl lag auch da richtig. Innerhalb eines Jahres sollte sich der kleine Hoden zeigen, ansonsten muss operiert werden. Und so war es, mit knapp einem Jahr musste der kleine Mann ins Krankenhaus. […]

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