„Liebe ist nicht genug – Ich bin die Mutter eines Amokläufers“

Ein Buch von Sue Klebold – unser Buchtipp im Februar

Titel: Liebe ist nicht genug – Ich bin die Mutter eines Amokläufers

Autor: Sue Klebold

Preis: 16,99 Euro

ISBN: 978-3596034314

Als ich damals vom Amoklauf an der Columbine Highschool hörte, war ich entsetzt. Als ich Michael Moores Film „Bowling for Columbine“ sah, war mir übel. Und ich dachte: Was für Eltern müssen das sei, die solche Monster zur Welt bringen? Wie muss man seine Kinder vernachlässigen, dass sie zu so etwas fähig sind? Ich war schnell mit meinem Urteil, aber ich bin sicher, dass es den meisten so geht.

Ich werde niemals wissen, was in diesem Kopf vorgeht

Dann wurde ich Mutter und eines schönen, sonnigen Tages geschah etwas Seltsames. Eigentlich war es etwas sehr Offensichtliches, das mir einfach nur bewusst wurde: Ich sah meinen Sohn, wie er völlig versunken mit einem Duplostein spielte. Er saß in einem hellen Sonnenstrahl und ich sah auf seinen Hinterkopf. Und auf einmal wurde mir klar: „Ich werde niemals wissen, was in diesem Kopf vorgeht. Wenn er es mir nicht sagt, werde ich niemals wissen, was dieser kleine Mensch, den ich fast 39 Wochen unter dem Herzen trug, denkt oder fühlt.“ Noch ist er einfach zu lesen, aber das wird sich ändern.

Vor einiger Zeit las ich ein Interview mit Sue Klebold, der Mutter eines der Amokläufer von Columbine, Dylan. Ich kaufte ihr Buch und mein Entsetzen nahm mit jeder Seite des Buches zu. Nicht etwa, weil die Familienverhältnisse so katastrophal gewesen wären – nein! Weit gefehlt. Weil sie so normal waren. So unfassbar gewöhnlich. Man würde sogar von einem Jungen „aus gutem Hause“ sprechen.

Aber wie kam es dazu, dass ein – nach außen hin – völlig normaler Teenager scheinbar plötzlich zum Mörder wurde? Und wie lebt eine Mutter damit, dass das Kind, dass sie geboren und aufgezogen hat, der kleine Junge, den sie über alles geliebt hat, auf einmal als einer der Verantwortlichen für den schlimmsten Amoklauf der USA in die Geschichte eingehen wird?

Liebe ist nicht genug

So post-it-lastig sieht ein Buch aus, das ich für euch gelesen habe…

Mutter eines Massenmörders

Am 20. April 1999 kommt es in Littleton, Colorado, zu einem der schlimmsten Massaker in der Geschichte der USA. Sue Klebold wacht an diesem Tag auf als die Mutter eines Teenagers. Als sie zu Bett geht, ist sie die Mutter eines Massenmörders.

Ihr Sohn Dylan hat zusammen mit seinem Freund Eric dreizehn Menschen ermordet und 24 verletzt, bevor sich beide Amokläufer selbst töten. Sue beschreibt die Momente der Verleugnung, die Momente der Panik, der Angst und der fürchterlichen Gewissheit, dass ihr Sohn nicht Opfer, sondern Täter ist.

„Wie alle Mütter in ganz Littleton hatte ich für das Leben meines Sohnes gebetet. Doch als ich den Reporter von fünfundzwanzig Toten sprechen hörte, veränderten sich meine Gebete. Wenn Dylan an der Verletzung oder Tötung anderer Menschen beteiligt gewesen war, dann musste er aufgehalten werden. Es war das schwierigste Gebet, das ich je als Mutter gesprochen hatte, doch in diesem Moment wusste ich dass die größte Gnade, um die ich bitten konnte, nicht das Leben meines Sohnes war, sondern sein Tod.“

Vermutet sie am Anfang noch, dass Dylan unter Drogen gesetzt worden sei – sie verdrängt, fragt sich gar, ob ihr Sohn von Dämonen besessen war – kann sie sich erst nach langem Kampf mit sich selbst der Realität stellen. Die Eltern und der ältere Bruder Dylans müssen zu Verwandten fliehen, werden bedroht und von einer Welle des Hasses verfolgt. Die Beerdigung ihres Sohnes ist nur unter äußerster Geheimhaltung möglich. Das Leben der Familie, wie es einmal war, ist ausgelöscht. Innerhalb weniger Stunden sind sie zu den meistgehassten Menschen der USA, wenn nicht der ganzen Welt, geworden. Doch Sue Klebold macht ihren Mitmenschen keine Vorwürfe:

„Ich konnte voll und ganz nachvollziehen, warum die Leute mit dem Finger auf uns zeigten. Auch ich wäre ganz gewiss maßlos wütend auf die Eltern des Kindes gewesen, wäre es andersherum passiert. Ich hätte sie gehasst. Natürlich hätte ich sie beschuldigt.“

Trauer heißt nicht Vergebung

Sie beerdigt ihren Sohn, kämpft gegen den Instinkt, ihn zu wärmen, in den Sarg zu kriechen, um ihn mit meinem warmen Körper zuzudecken. Allein diese Schilderung, bricht einem das Herz. Wie groß muss die Not sein, nicht nur das eigene Kind zu beerdigen, sondern sich auch noch den furchtbaren Taten stellen zu müssen, die es begangen hat. Natürlich hat diese Mutter dasselbe Recht auf Trauer, wie auch die Mütter der Opfer. Auch sie hat einen Sohn verloren.

Trauer, so stellt Andrew Solomon im Vorwort des Buches klar, Trauer um den Mörder ist nicht gleichbedeutend mit der Vergebung seiner Tat.

Sue Klebold begibt sich auf 428 Seiten auf die Suche nach dem Motiv für die Tat ihres Sohnes. Dylan, so findet sie u.a. nach dem Studium seiner Tagebücher heraus, litt an Depressionen. Was die Eltern als normales Verhalten eines Pubertierenden gedeutet hatten, als er angespannter als gewöhnlich wirkte, ist in Wirklichkeit gravierender und schwärzer, als sie es sich je ausgemalt hätten: Dylans Selbsthass, befeuert vom Mobbing der Schulkameraden, gepaart mit seiner Eigenart, Scham tiefer als andere Kinder zu empfinden und seiner Autarkie – dem Streben nach extremer Unabhängigkeit – wurde zu einer tödlichen Mischung, die niemand hatte vorhersehen können.

Was unter anderen Umständen vielleicht in einem mehr oder weniger erfolgreichen Suizidversuch gegipfelt hätte, wurde durch die Zutat Eric Harris, der Dylan mit seinem psychopathischen Hass auf Menschen in die Krise zog, zur Katastrophe. All diese Zutaten wurden zum tödlichen Cocktail, der dreizehn Menschen das Leben kosten und viele verletzen sollte.

„Gute Eltern bekommen schon mit, was ihre Kinder so treiben.“

„Hätte jemand vor Columbine unsere Familie untersucht, er hätte selbst mit der Lupe nichts gefunden, was nicht hochgradig durchschnittlich war, nichts, was sich vom Leben zahlloser anderer Familien in unserem Land unterschied.“

Sue Klebold tut dies. Sie geht jede Erinnerung, jedes Gespräch noch einmal durch, durchkämmt ihre Erinnerungen und Dylans Zimmer, durchleuchtet jede noch so kleine Begebenheit, die von Bedeutung sein könnte. Und kommt zu dem Schluss: Ja. Sie haben die Anzeichen übersehen, falsch gedeutet und nicht erkannt.

Aber mal ehrlich: Haben wir unseren Eltern in der Pubertät alles erzählt? Haben wir ihnen regelmäßig das Herz ausgeschüttet? Wenn jemand launisch und angespannt, empfindlich und mies drauf ist – dann doch ein Teenager!

„Nichts an Dylan, als er noch lebte, lieferte mir einen Hinweis, dass er Probleme von ernst zu nehmender Tragweite hatte.“

Generell ist es nicht unüblich, dass Depressionen im Jugendalter nicht als solche erkannt werden. Die Symptome einer Depression – Lustlosigkeit, Konzentrationsmangel, Stimmungsschwankungen, Leistungsstörungen, sozialer Rückzug, um nur einige zu nennen – decken sich oft mit dem üblichen Pubertätsverhalten.

„Gute Eltern bekommen schon mit, was ihre Kinder so treiben.“ wirft man Sue vor – und sie selbst sieht das genauso. Aber stimmt das? Unsere Grenzen beginnen da, wo der andere sie zieht: Wenn ein Mensch nicht will, dass man weiß, was in seinem Kopf vorgeht, wird man es in den meisten Fällen nicht erfahren. Wer ganz bewusst etwas verbergen will, schafft diese zumeist auch.

Dylan wollte sterben, Eric wollte töten

„Wer Dylan in den Videos sieht [Anmerkung: Die sog. Basement Tapes, Videos mit Hasstiraden, die Dylan und Eric aufgezeichnet hatten] denkt: Dieses Kind ist wahnsinnig, der ist ja völlig durchgedreht. […] Die Eltern müssen komplett beschränkt sein. Die können doch unmöglich mit dem Kerl unter einem Dach leben und nicht merken, wie gefährlich der ist. Ich kann nur bestätigen, dass ich das Gleiche gedacht hätte.“

Susan Klebold ist überzeugt davon, dass nicht Videospiele oder ihre Erziehung auschlaggebend für den Amoklauf ihres Sohnes waren, sondern eine psychische Erkrankung, jedoch ohne damit seine Taten zu entschuldigen. Am Ende war dieser Amoklauf nicht anderes, als Dylans Möglichkeit zum Suizid: „Meiner Ansicht nach betrat Eric die Schule, um Menschen zu töten, und es war ihm egal, dass er dabei sterben könnte. Dylan dagegen wollte sterben, und es war ihm egal, dass anderen dabei ebenfalls umkamen.“, so wird Dr. Dwayne Fuselier, klinischer Psychologe beim FBI, zitiert.

Keine Schuldzuweisung, sondern knallharte Selbstkritik

An keiner Stelle des Buches nimmt sich Sue Klebold aus der Verantwortung. Zu keinem Zeitpunkt hätte sie ihren Sohn verdächtigt, etwas so ungeheuerliches zu planen. Hätte sie das, sie hätte es verhindert, allein schon, um ihrem Kind das Leben zu retten.

Zu keinem Zeitpunkt weist sie die Schuld von sich, obwohl sie aufzeigt, dass es schier unmöglich war, die Geschehnisse vorauszuahnen. Sie fordert weder Vergebung für die Taten ihres Sohnes, noch für sich. Und das, obwohl man ihr, nach längerem Nachdenken, einfach keine Schuld geben kann. Die grausame Wahrheit: Es könnte jedem von uns passieren.

Auch dem anderen Täter, Eric Harris, oder seiner Familie schiebt sie keine Schuld in die Schuhe. Einfacher wäre es bestimmt, aber sie tut es nicht und obwohl Eric sicher die treibende Kraft war, spricht sie ihren Sohn zu keiner Zeit frei.

Die Familien Harris und Klebold sahen sich nach dem Amoklauf mit Prozessen und Klagen überhäuft – es scheint, als habe jeder jeden verklagt. Wer wirklich schuld ist, wer die rechtliche Verantwortung trägt, ist schwer zu beantworten, auch für Sue Klebold.

Sie engagiert sich seit dem Amoklauf in der Suizidprävention und auch die Einkünfte aus diesem Buch gehen Organisationen für Suizidprävention und zur Unterstützung von Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Zwischen Entsetzen für den Mörder und Liebe für ihr Kind

Sue Klebold schafft die Balance zwischen dem Entsetzen und dem Wissen, dass es keine Vergebung für ihren Sohn gibt – der Erkenntnis, dass sie, obwohl sie es nicht hätte verhindern können, eine Mitschuld am Geschehen trägt und der Liebe einer Mutter für das Kind, das sie unter dem Herzen getragen, geboren und aufgezogen hat. Das ist vielleicht wirklich nur nachzuvollziehen, wenn man selbst Kinder hat.

Sie schafft es, ihren Sohn und seine Tat verhältnismäßig objektiv zu beschreiben. Dieses Buch ist keine Ode der Mutterliebe, es ist kein Manifest für ein totes Kind und es ist keine Rechtfertigung. Im Gegenteil: Es ist der wohl ehrlichste und schonungsloseste Bericht, den man über eine solch entsetzliche Tat und ihre Folgen hätte schreiben können.

Liebe ist nicht genug

Auch in Deutschland wurden die Eltern des Amokläufers von Winnenden und des „Todespiloten“ Andreas L. von vielen als Schuldige angesehen.

Ich glaube fest, dass jede Mutter und jeder Vater, der eine solche Tat vermutet oder gar kommen sieht, alles in ihrer/seiner Macht stehende tun würde, es zu verhindern. Nicht nur müssen diese Menschen mit dem Tod ihres geliebten Kindes leben, sie leben genauso mit seiner immensen Schuld, mit den monströsen Taten, die sie nicht zu verhindern wussten.

Liebe, wie Sue Klebold ganz richtig feststellt, ist nicht genug.

Passt das zu Krümel und Chaos?

Dieses Buch ist völlig anders, als die, die wir sonst für euch lesen. Kein fröhliches Kinderbuch, keine witzigen Tipps, keine augenzwinkernde Beschreibung des Alltags mit Kindern. Dieses Buch ist ernst und es ist harte Kost. Ich musste es oft aus der Hand legen, weil es mich geradezu fertig gemacht hat, oft hatte ich Gänsehaut und geheult habe ich auch.

Aber ich finde, auch das muss mal sein, denn auch das gehört zum (Familien)Leben dazu. Ich kann dieses Buch, das wahrlich kein leichtes ist, wirklich empfehlen. Sei es, damit wir alle bei unseren Kindern näher hinsehen und so manches Verhalten hinterfragen, oder einfach, um über unseren Tellerrand zu schauen und zu sehen: Nicht alle vermeintlichen Monster werden als solche geboren.

Es ist leicht, den Eltern in einer solchen Situation die Schuld zu geben – doch ist es auch richtig? Vielleicht gibt dieses Buch darauf eine Antwort.

 

Anmerkung: Alle Zitate, gekennzeichnet mit kursiver Schrift und Anführungszeichen, stammen alle aus diesem Buch, das von Andrea Kunstmann aus dem Amerikanischen ins Deutsche übersetzt worden ist. Da ich beide Versionen, das englische Original und die deutsche Übersetzung, gelesen habe, kann ich sagen, dass die Übersetzung dem Original absolut gerecht wird.

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.