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Matthias: Feuerwehrmann aus Leidenschaft…

…aber ein Superheld bin ich nicht.

Matthias (32) erzählt uns von seinem Beruf und was sich für ihn verändert hat, seitdem er Papa ist.

Als Kind wollte ich Feuerwehrmann werden – wie wohl die meisten kleinen Jungs. Dann habe ich eine Ausbildung zum Informatiker gemacht und Elektrotechnik studiert. Meine Mutter, eine Lehrerin, war superstolz, da ich von ihren drei Kindern das einzige war, das auch studierte. Als dann aber der Einzugsbefehl der Bundeswehr kam, entschied ich mich für den Zivildienst, genauer: Für den Rettungsdienst bei der Feuerwehr. Diese 9 Monate änderten alles – ich warf mein Studium über den Haufen und machte eine Ausbildung zum Rettungsassistenten.

Der Wunsch, zur Feuerwehr zu gehen, war wieder aufgeflammt. Um bei der Berufsfeuerwehr arbeiten zu können, muss man eine abgeschlossene Ausbildung in einem handwerklichen Beruf haben oder eine „berufsdienliche“ Ausbildung – und die hatte ich als Rettungsassistent. Noch während des Zivildienstes war ich außerdem in die Freiwillige Feuerwehr eingetreten.

Ein Problem gab es jedoch: Ich war übergewichtig und im Feuerwehr-Beruf muss man natürlich eine gewisse körperliche Fitness vorweisen können – so mancher Einsatz führt bis an die körperlichen Belastungsgrenzen. Nach der Ausbildung zum Rettungsassistenten fand ich keinen Job und arbeitete als Produktionshelfer. Aber ich brannte für die Feuerwehr und begann, Sport zu treiben. Ich wollte es schaffen – und wurde abgelehnt. Das spornte mich nur noch mehr an und ich arbeitete verbissen an mir selbst. Und dann rief ein Freund an und erzählte mir, die Feuerwehr im Ort suche Leute. Meine Stunde war gekommen und seitdem bin ich Feuerwehrmann. Mit Leib und Seele.

Beruf als Berufung

Als Informatiker würde ich heute in der Industrie das Dreifache verdienen. Aber ich mache etwas Sinnvolles! Ich tue etwas Gutes. Der Beruf hat mich gefunden oder ich den Beruf – für mich ist es auf jeden Fall Berufung. Feuerwehrmann oder –frau kann natürlich jeder werden, der es wirklich will und die Voraussetzungen erfüllt, aber man sollte schon gewisse Charakterzüge mitbringen: Ehrlichkeit, Pflichtbewusstsein und unbedingte Loyalität seinen Kameraden und Vorgesetzten gegenüber. Wir müssen uns 100% auf den anderen verlassen können, schließlich hängen davon Leben ab: Unsere eigenen und die der Menschen, die wir retten. Ein fester Magen ist übrigens auch von Vorteil.

Es ist kein Job, den man mit der Uniform ablegen kann, man nimmt schon einiges mit nach Hause. Wir sehen nicht jeden Tag schreckliche Unfälle und Unfallopfer, es sind meistens die Dramen, die man so mitbekommt. Familienschicksale berühren und beschäftigen oft mehr, als Herzinfarkte oder Schlaganfälle – die sind inzwischen einfach Routine für uns.

So richtig schlimm sind Einsätze, bei denen es um Kinder und Jugendliche geht. Wenn bei uns ein „Kindernotruf“ eingeht, ist die Anspannung nochmal höher als sonst schon, es wird nochmal ein Km/h zugelegt und man rennt noch einen Schritt schneller als üblich. Als Vater fällt mir natürlich schonmal ein Stein vom Herzen, wenn ich die Adresse sehe und weiß, dass es nicht meine Familie ist, zu der wir da ausrücken.

Matthias im Einsatz

Als Vater cooler und einfühlsamer

Ich bin, seitdem ich selbst Kinder habe, cooler geworden in meinem Job. Kinderlose Kollegen holen mich gern dazu, wenn kleine Menschen involviert sind, denn ich habe als Vater inzwischen einfach ein besseres Feeling, wie ich mit dem Kind umgehen muss. Ich bin gelassener und einfühlsamer als früher.

Ein Kindernotfall ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben: Wir wurden in eine Familie gerufen, in der ein Dreijähriger reanimiert werden musste. Uns begleitete eine sehr erfahrene Notärztin und sogar einen Kinderarzt hatten wir aus dem Bett geholt. Das Kind starb. Wir hatten alles Menschenmögliche getan, daran denke ich noch immer. Später erfuhr ich, dass das Kind schon von Geburt an sehr krank war – nur ein schwacher Trost.

Sonst komme ich mit schlimmen Einsätzen aber gut klar. Es ist nicht so, dass ich abgestumpft bin, aber die psychosoziale Unterstützung ist sehr gut. Oft spricht man schon auf dem Rückweg vom Einsatz darüber, spätestens bei der Einsatznachbesprechung. Wie für Angehörige gibt es auch für Einsatzkräfte Seelsorger, die sich bei extremer emotionaler Belastung kümmern können. Wir werden da sehr gut aufgefangen.

Wir sind Menschen, keine Götter

Man hinterfragt sich selbst natürlich immer, man reflektiert und überlegt, was man hätte besser machen können. Die Wahrheit ist: Wir können nicht jeden retten. Wir sind keine Superhelden – wir können nur unser Möglichstes tun und wenn das nicht gereicht hat, müssen wir damit unseren Frieden machen. Natürlich passieren auch immer wieder Fehler und gerade in unserem Beruf sind die oft lebensgefährlich – aber auch das ist menschlich. Wir sind halt nur Menschen, keine Götter!

Was uns auch hilft – und das wirkt auf Außenstehende meist befremdlich – ist Humor. Der ist oft schwarz und wird als geschmacklos abgetan, aber wie auch in der Pflege ist Humor unabdingbar um mit den Dingen klarzukommen. Es gibt sogar Seminare, die sich mit dem Thema befassen.

Entenküken und ein bisschen hoher Blutdruck

Es gibt aber auch schöne Einsätze. Wir wurden einmal zu einem nahen See gerufen. Da waren ein paar Entenküken die Staumauer heruntergefallen und quakten herzzerreißend. Als wir sie gerettet hatten, hüpften sie aufgeregt im Feuerwehrauto herum. Kurze Zeit später entdeckten wir eine verzweifelt quakende Mama-Ente: Es waren tatsächlich ihre Küken, die wir da eingesammelt hatten! Das war mal eine Familienzusammenführung der anderen Art. Darüber schmunzle ich bis heute!

Vor kurzem wurden wir von einer alten Dame gerufen, die so einen Hausnotruf-Knopf trug. Die versammelte Mannschaft rückte aus, zu Acht standen wir in ihrem Wohnzimmer. Und da saß die kleine alte Lady und flüsterte etwas von ihrem hohen Blutdruck und dass sie sich so unwohl gefühlt habe… Natürlich war es kein Notfall, aber man merkt, wenn es dem Menschen im Augenblick des Notrufs wirklich schlecht geht – und dann ist das okay. Die ganze Truppe war erleichtert, dass es ihr gut ging. Sie hat uns sogar noch ein Sektchen angeboten. Nachdem wir ein bisschen mit ihr geklönt haben, sind wir dann wieder gefahren.

Auch solche Einsätze gehören dazu – bei Teenies mit Schnupfen, übertrieben formuliert, hört das Verständnis allerdings auf.

Die Hemmschwellen sinken

Die Hemmschwelle, den Notruf zu wählen ist generell stark gesunken. Das liegt sicher auch am Gesundheitssystem. Wartezeiten bei Fachärzten und in den Notfallambulanzen wollen viele nicht in Kauf nehmen und rufen kurzerhand den RTW. Und da kommt es dann schonmal zu Aggressionen. Wer lässt sich schon gerne sagen, dass er oder sie nicht krank genug für einen Rettungswagen ist. Das müssen wir aber kommunizieren, sonst rücken wir irgendwann für jeden eingewachsenen Zehennagel aus.

Aggressionen gegenüber Rettungskräften hat es schon immer gegeben, man kann das nicht an einer gewissen sozialen Schicht festmachen – ein Herr Doktor pöbelt manchmal genauso wie der wohnungslose Alkoholiker. Meistens geschieht das, wenn wir als Rettungskräfte die Erwartungen der Leute nicht erfüllen – wenn wir es anders machen, als sie es erwartet oder gern gehabt hätten.

Was mich persönlich viel mehr schockiert, sind die Gaffer! Das Land NRW musste extra für große Unfälle Trennwände für mehrere Millionen Euro anschaffen, die bei Bedarf auf die Mittelleitplanken gesetzt werden. Nur um Schaulustige davon abzuhalten, zu gaffen, Videos zu machen und sich und andere so zu gefährden.

Retten und Rechte wahren

Von dem Moment an, in dem ich einen Patienten übernehme, ist er mein Schutzbefohlener: Ich muss mich nicht nur darum kümmern, dass er körperlich bestmöglich versorgt ist, sondern auch darum, dass seine Rechte gewahrt werden – und das bedeutet, ich kann nicht zulassen, dass irgendwer Fotos oder Videos von dem Menschen in seiner Notsituation anfertigt und im Internet verbreitet. Warum jemand das tut, ist mir sowieso schleierhaft – ist es Aufmerksamkeit, die diese Leute wollen? Anerkennung? Perverse Freude? Wo ist die Grenze zwischen Neugierde und Voyeurismus?

Dass man neugierig ist, wenn die Feuerwehr einen Einsatz hat, ist völlig natürlich. Wenn wir einen Notfall in einem Wohngebiet haben, in einem Mehrfamilienhaus beispielsweise, dann liegen die Leute in den Fenstern und gucken oder stehen im Hausflur – soweit so normal. Das war schon immer so. Aber es gibt Grenzen. Vor kurzem habe ich bei einem solchen Einsatz ein paar Kinder des Flurs verwiesen, als ich mit meinem Patienten aus der Wohnung kam. Er muss, auch von Kindern, nicht begafft werden in seiner Not. Die Kinder kamen wieder und ich schickte sie erneut weg – worauf sie in Begleitung einer älteren Dame wiederkamen – definitiv nicht „Generation Smartphone“ – die verlangte, die Kinder zusehen zu lassen, sie hätten schließlich ein Recht darauf, so etwas zu sehen. Da bleibt einem die Spucke weg, denn von einer Dame ihres Alters hätte ich mehr Vernunft und vor allem Respekt erwartet.

Feuerwehr und Familie – das läuft super

Trotzdem kann ich mir keinen besseren Job für mich vorstellen. Ich bin Vater zweier Töchter. Meine Vierjährige will auch zur Feuerwehr, sie will wie der Papa sein – und ich wäre sehr stolz, wenn sie Feuerwehrfrau würde! Warum auch nicht? Wir fangen dann aber erstmal bei der Jugendfeuerwehr an. Generell ist mir aber nur wichtig, dass meine Kinder einen Job finden, der sie glücklich macht und den sie gerne jeden Tag ausüben.

Feuerwehr und Familie lässt sich gut vereinbaren – besser geht es nicht! Ich habe 24 Stunden Dienst, also von sieben bis sieben und danach zwei Tage frei. In der Zeit habe ich von der Berufsfeuerwehr keine Bereitschaft. Ich bin zusätzlich noch immer bei der Freiwilligen Feuerwehr, da sieht es schon anders aus. Mein Pieper ist immer an – und wenn es piept, muss ich los. Es gibt aber auch Situationen, in denen es einfach nicht geht, wenn ich mit den Kleinen allein zuhause bin zum Beispiel.

Dass ich an Feiertagen oder auch Familiengeburtstagen mal arbeiten muss, ist kein Problem. Meine Frau wusste, worauf sie sich einlässt und geht sehr cool damit um. Durch die freien Tage bin ich ja oft zuhause und kann viel Zeit mit der Familie verbringen. Ich liebe das, ich sehe meine Kinder aufwachsen und kann richtig an der Erziehung teilhaben, nicht nur am Wochenende oder mal für eine Stunde am Abend, wie es in vielen Familien ist. Ich habe in den letzten zwei Jahren unser Haus quasi mit eigenen Händen gebaut, das hätte ich in einem „normalen“ Beruf gar nicht leisten können.

Ich bin froh, dass ich diesen Beruf ergreifen durfte!

 

Jubel bitte: Matthias hat übrigens heute Geburtstag! Herzlichen Glückwunsch und Danke für deine Zeit!

Ein weiteres Interview mit unserem Feuerwehrmann ist bereits bei Rundblick Unna erschienen – das könnt ihr hier lesen.

2 Antworten
  1. Barbara
    Barbara says:

    Ein wirklich schöner und authentischer Text. Ich bin selbst seit mittlerweile 15Jahren hauptamtliche Rettubgsassistentin und habe viel genickt beim Lesen
    Ja, die Empathie ist eine andere geworden seitdem man selbst Kinder und Familie hat….geht mir auch so. Vor allem ist das Heile-Welt-Bedürfnis bei mir viel ausgeprägter geworden. Wir fahren auch noch im 24 Std Dienst und da ich seit meiner Kinder „nur“ halbzeit arbeite bin ich im Schnitt 1x wöchentlich 24 Std weg. Das klappt auch prima mit den Beiden.

    Ist Matthias der Papa der Chaoskrümel Familie?

    Liebe Grüße

    Antworten
    • Tanja Chaos
      Tanja Chaos says:

      Vielen Dank! Matthias ist der Bruder von Lockes Patentante 🙂 Respekt an euch Retter und Hut ab vor dem, was ihr täglich leistet!

      Antworten

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