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Kein Mimimi: Mittelohr-Entzündung

Folter im Kopf

Mimimi.

Mich hat’s erwischt. Übel. Erkältungen habe ich im Griff in letzter Zeit, seitdem ich regelmäßig Goldene Milch oder Kurkuma-Smoothies trinke, geht’s eigentlich. Dachte ich. Mal ein Schnüppken, mal etwas Husten – ärgerlich und nervig, aber nicht schlimm.

Aber nun, nach 9 Jahren, ist sie wieder da. Eine alte Bekannte, die ich seit frühster Kindheit zu hassen gelernt habe: Die akute Mittelohrentzündung (Otitis media acuta)! Unzählige hatte ich als Kind und zum letzten Mal hatte ich 2007 das Vergnügen, und zwar gleich drei Mal innerhalb von sechs Monaten. In der Zeit wohnte ich in Australien und mein Immunsystem war dank des ungewohnten Klimas unter Dauerfeuer.

Kopf voll mit Bääääh!

Nun denn. Erkältet bin ich, etwas schlimmer als sonst. Ich habe das Gefühl, ich hab drei verschiedene Infekte gleichzeitig. Und gestern, beim Einkaufen, spürte ich es: Mein Kopf füllte sich. Nicht mit kreativen Gedanken, nein, wortwörtlich. Schleim oder sonstige Flüssigkeit schien in meinem Schädel hochzusteigen und ihn von innen sprengen zu wollen – so fühlte es sich an.

Ich leide, wie gesagt, bereits seit frühester Kindheit immer wieder unter Mittelohrentzündungen. Ich kenne das und wusste also, was mir bevorstand. Nach wenigen Stunden war der Druck kaum noch auszuhalten und die Schmerzen setzten ein.

Wer schonmal eine Mittelohrentzündung hatte, weiß, wovon ich rede. Wer nicht: Es sind wirklich wahnsinnige Schmerzen. Da sich im Ohr das Gleichgewichtsorgan befindet, sind auch oft Schwindel und – wie bei mir – starke Übelkeit mit von der Partie.

Jedes Schlucken, jedes Aufstoßen, Gähnen oder Naseputzen sorgt für ein extrem schmerzhaftes Knacken im Ohr. Sich zusätzlich zu übergeben ist übrigens die Hölle. Das schmerzt im Kopf, im Magen, im Hals und wirklich überall.

Was ist eine Mittelohrentzündung?

Bei einer Mittelohrentzündung entzündet sich die Schleimhaut im Ohr. Dies wird meistens durch eine Erkältung bzw. einen Infekt der oberen Atemwege ausgelöst. Bakterien oder Viren gelangen über die sogenannte Eustachische Röhre, die Mittelohr und Rachenraum verbindet, ins Ohr und lösen dort die schmerzhafte Entzündung aus.

Anzeichen sind plötzliche und sehr heftige Ohrenschmerzen. Manchmal klopft oder pocht es auch im Ohr, dem Erkrankten wird schwindelig oder das Ohr „geht zu“ (Hörstörung). Auch Fieber – besonders bei Kleinkindern – starkes Krankheitsgefühl und die oben bereits erwähnte Übelkeit bis hin zum Erbrechen sind Symptome einer Mittelohrentzündung.

Bei einer Mittelohrentzündung kann das Trommelfell einreißen. Ist dies passiert, tritt eine eitrig-blutige Flüssigkeit aus den Ohren aus. Die Ohrenschmerzen verschwinden dann zwar oft schlagartig, schön ist das aber trotzdem nicht: Hörminderung und häufig wiederkehrende Entzündungen können die Folge sein.

Mittelohrentzündung ist kein Mimimi

Mittelohrentzündung ist wirklich kein Spaß, kein Mimimi und keine Kleinigkeit. Echt nicht! Solltet nicht ihr betroffen sein, sondern eure Kinder: Bitte nehmt das nicht auf die leichte Schulter.

„Was dich nicht tötet, macht dich hart!“ oder „Daran ist noch keiner gestorben!“ ist hier absolut fehl am Platz. Wer euch erzählt „Mittelohrentzündung hatte ich auch schonmal, war aber nicht so schlimm!“, der hatte vermutlich keine. Ich kenne niemanden, der nicht übel darunter gelitten hat und selbst Erwachsene, die ich als „harte Hunde“ kenne, wünschen ihrem ärgsten Feind keine solche.

Mittelohrentzündung – was tun?

Hier sind im Folgenden nun ein paar Tipps, was im Fall einer Mittelohrentzündung zu tun ist:

1.) Zum Arzt.

Keine Widerrede, ab zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt (HNO), im Notfall zum Haus- oder Kinderarzt. Nicht verschleppen, nicht selbst behandeln, das muss sich ein Arzt ansehen.

2.) Schmerzmittel und Nasentropfen.  

Egal, ob es zu eurer Lebenseinstellung passt, oder nicht: Ohne Schmerzmittel wird es nicht gehen. Wenn ihr nicht selbst betroffen seid, bitte glaubt mir eines: Die Schmerzen sind gewaltig. Auch – oder besonders – bei Kindern. Bitte verweigert ihnen keine Schmerz-Medikamente. Mittelohrentzündung ist, wie jede Erkrankung direkt im/am Kopf, pure Folter. Zudem sind die verschriebenen Schmerzmittel auch entzündungshemmend.

Nasentropfen oder -sprays sind ebenso wichtig, da sie beim Abschwellen der Schleimhäute helfen und so auch bei der Belüftung des betroffenen Bereiches im Ohr hilfreich sind. Nasensprays oder –tropfen werden übrigens immer in die Nase gegeben – nicht ins Ohr!

Auch ein Mittel gegen Übelkeit ist ratsam. Ihr solltet natürlich die Medikation mit dem behandelnden Arzt absprechen und nicht selbst irgendetwas verordnen – besonders, wenn es um eure Kinder geht.

3.) Antibiotika und Zwiebelsäckchen  

Antibiotika werden heute gemäß den HNO-Leitlinien nicht immer sofort eingesetzt. Oft lösen Erkältungsviren die Entzündung aus, gegen die ein Antibiotikum machtlos ist. Die Ärzte sind zudem sensibilisiert und passen wegen möglicher Antibiotika-Resistenzen auf. Werden euch dennoch Antibiotika verschrieben, nehmt sie.

Ein altes Hausmittel, das ihr zusätzlich (!) geben könnt, ist das Zwiebelsäckchen.

Dafür benötigt ihr eine Zwiebel, die ihr kleinhackt. Dann überbrüht ihr sie mit heißem Wasser und wickelt sie in ein trockenes Baumwolltuch. Wenn das Säckchen abgekühlt und abgetropft ist, legt ihr es für 20 – 30 Minuten auf das entzündete Ohr. Beim Kind fixiert ihr das Zwiebelsäckchen am besten mit einer Mütze oder Wickel. Das kann mehrmals täglich wiederholt werden, um den Heilungsprozess zu unterstützen, denn die Zwiebel soll Stoffe enthalten, die die Entzündung hemmen und Krankheitserreger abtöten.

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In der Medizin ist die Wirkung des Zwiebelsäckchens umstritten und völlig unbewiesen, es schadet aber auch nicht.

Ohrentropfen übrigens, bringen überhaupt nichts, denn die kommen nicht mal bis zum Mittelohr, da dieses vom Gehörgang durch das Trommelfell abgetrennt ist. Sie können im schlimmsten Fall zusätzlich eine Gehörgangsentzündung verursachen, die erst richtig schmerzhaft ist.

4.) WICHTIG: Keine Wärme! Niemals!

Rotlichtlampe, heiße Kartoffel, warmes Öl ins Ohr – es gibt viele Tipps rund um Mittelohrentzündung und Wärme. Ich bin immer wieder entsetzt, dass es bei Dr. Google seriöse Seiten gibt, die vorschlagen, Entzündungen mit Wärme zu behandeln.

Nach Rücksprache mit dem HNO sage ich euch: Das ist Quatsch. Was machen Flüssigkeiten unter Wärme? Richtig, sie dehnen sich aus. Das Mittelohr ist eng und  Schmerzen sowie Druck resultieren daraus, dass sich Eiter und Schleim im Ohr sammeln und nicht abfließen können. Nicht selten reißt auch ohne Hitze das Trommelfell – diese Möglichkeit wird unter Wärmeeinwirkung wahrscheinlicher. Zudem besteht durch Wärme die Gefahr, dass sich ein Abszess bildet – und dieser muss dann operiert werden.

Diese Tipps, so Dr. Robin Banerjee, Hals-Nasen-Ohren-Arzt aus Unna, stammen aus Zeiten, in denen ein HNO nicht mal eben in der Nähe war oder man sich den Besuch nicht leisten konnte. Heutzutage gelten sie als längst überholt – halten sich aber leider noch hartnäckig und richten so mehr Schaden an, als dass sie nutzen.

5.) Ruhe und viel trinken.  

Euch wird eh nicht nach Programm sein – bitte berücksichtigt dies auch für eure Kinder. Sagt Termine ab, ein Kind mit Mittelohrentzündung gehört ins Bett oder auf die Couch. Zerrt sie nicht zu irgendwelchen Terminen.

Wie könnt ihr einer Mittelohrentzündung vorbeugen?

Nasentropfen oder –sprays können eine Mittelohrentzündung verhindern, denn wie bereits oben erwähnt, sorgen sie über die Eustachische Röhre für eine ausreichende Belüftung des Mittelohres. Ärzte haben zudem herausgefunden, dass sich die Pneumokokken-Impfung positiv auf die Erkrankungsrate auswirkt: Diese sank bei den entsprechend geimpften Kindern.

Ohren sollen bitte nur von außen gereinigt werden, auf keinen Fall Ohrenstäbchen benutzen!

Erwachsene und Kinder sollen ausreichend trinken, Erwachsene zwischen 1,5 und 2 Liter pro Tag, für Kinder empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung ca. 820 ml im Alter von 1 bis 4 Jahren, 940 bis 970 ml im Alter von 4 bis 10 Jahren, 1170 bis 1330 ml im Alter von 10 bis 15 Jahren und von 15 bis 19 Jahren werden 1,5 Liter empfohlen.

Erkältete Kinder gehören zudem ins Warme und sollten aufs Schwimmen verzichten sowie keinesfalls mit feuchten Haaren in der Kälte herumlaufen.

 

Dieser Artikel ersetzt nicht den Gang zum Arzt und liefert keine Diagnose! Er wurde nach Rücksprache mit zwei voneinander unabhängigen Hals-Nasen-Ohrenärzten verfasst und korrekturgelesen. Die Wissenschaft unterliegt ständigen Entwicklungen und die hier genannten Empfehlungen gelten zum Zeitpunkt der Erstellung.

6 Antworten
  1. Sabrina B.
    Sabrina B. says:

    Guter Artikel!
    Zum Punkt Ohrentropfen muss ich aber einhaken: Mein Sohn (2) hat andauernd Mittelohrentzündungen, geplatzt Trommelfelle und rausgefallene Paukenröhrchen und wir nehmen das nicht auf die leichte Schulter. Sind eher Dauergäste beim HNO.
    Wenn er aber ohne starke Schmerzen und Fieber nur ein ‚laufendes‘ Ohr hat, dann bekommt er von Arzt antibiotische Ohrentropfen. Besser, als den ganzen Organismus mit Antibiotika zu belasten. Und ohne ist eine weitere, stärkere Entzündung nicht auszuschließen…
    Also: Ohrentropfen sind nicht immer unnütz!

    Antworten
    • Tanja Chaos
      Tanja Chaos says:

      Vielen Dank für deine Antwort – in dem Falle werden Ohrentropfen wohl tatsächlich von Nutzen sein (autsch übrigens!)! Im Artikel bezog es sich eher auf die Wirksamkeit bei einer 08/15-Mittelohrentzündung. 🙂

      Antworten
  2. Pebbles
    Pebbles says:

    Gott sei dank hatte ich nie Mittelohrentzündungen, dafür aber unsere Tochter. Ich war aber sensibilisiert durch meine Oma, die als junge Frau deswegen nicht zum Arzt ging (Bauersfrau auf dem Lande und“ ist doch nicht nötig“). Meine Oma wurde daraufhin schwerhörig-als Kind hatte ich grossen Respekt vor ihrer „Hörmaschine“. Das war der Grund, aus dem ich nach den ersten Hinweisen mit unserer Tochter zum Arzt ging ohne auf Hausmitteltipps zu hören.

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  3. Christin
    Christin says:

    Danke für den Artikel!
    Ich selbst kann mich nicht erinnern jemals eine Mittelohrentzündung gehabt zu haben, leider unsere Motte umso öfter Ich bin sehr froh, dass sie mittlerweile sprechen kann und sagen kann, was und wo es weh tut. Sie leidet immer sehr und wir sind auch immer zum Kinderarzt gegangen. Selten kamen wir ums Antibitikum herum. Sie hasst es, diesen Saft zu nehmen, aber sie ist doch immer sehr tapfer. Entzündungshemmende Schmerzmittel würde ich ihr in diesem Fall unter keinen Umständen verwehren…
    Den Tipp mit dem Zwiebelsäckchen werde ich beim nächsten Mal beherzigen… Hoffentlich nicht allzu bald

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