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Rabenmutter – oder Mama mit Weitblick?

Ein Gastbeitrag von Angelika

Unser 10 jähriger Sohn hatte Bauchschmerzen. Ein halbes Jahr lang ständig und immer dann, wenn die Schule begann. Manchmal auch Kopfschmerzen.

Wir sprachen mit ihm, beobachteten, ließen ihn ärztlich untersuchen. Er blühte auf, wenn Ferien oder Wochenende waren und spätestens Montagmorgen ging es dann wieder los.

Nein, er selbst konnte das nicht direkt in Bezug zur Schule bringen, aber ich. Und dazu, dass er von Ungerechtigkeiten erzählte und, dass er nicht verstehen würde, warum Lehrer Schüler zu etwas drängen würden, was sie definitiv nicht könnten oder wollten.

Unser Sohn war immer einer der Besten, wir haben quasi nie unterstützen oder begleiten müssen, wenn es um schulische Inhalte ging. Leistungsdruck war nicht sein Problem. Aber er machte sich Gedanken darüber, warum er eigentlich Sachen lernen musste, die ihn so gar nicht interessierten und die doch auch nichts nützen würden?

Regelschule? Nicht für uns.

Ich sah, dass diese Schule das Gegenteil für ihn bedeutete, als das, was ich Menschen vermittele.

Ich bin Glückscoach. Ich trainiere Menschen darin, wieder ihren eigenen Glücksgefühlen zu folgen.

Und als ich erkannte, dass meinem Sohn dies in der Regelschule überhaupt nicht mehr möglich war, fing ich an, nach einer anderen Schulform zu suchen.

Wir fanden eine freie demokratische Schule.

Die Schüler müssen dort nichts. Überhaupt nichts. Es gibt nicht nur keine Noten oder Zeugnisse, sondern auch keine Lehrer (stattdessen Mitarbeiter), keine Klassen (altersübergreifend von der ersten bis zehnten „Klasse“), keine Dokumentation darüber, was die Kinder machen und „Unterricht“ (heißt dort Lernvereinbarungen) gibt es nur auf Wunsch.

Die Schule ist gemütlich, gut ausgestattet, jeder kann jede Art von Unterricht beantragen (auch mit Externen oder Online-Kursen) und auch Ausflüge können die Kinder selbst vorschlagen.

Jeder entscheidet selbst, woran er teilnehmen möchte und was ihn gerade interessiert. Kinder können von anderen Kinder lernen oder eben einfach „sein“. Spielen, Spaß haben, kochen, basteln, toben, am Computer spielen, nähen, schreiben…

Es gibt Regeln fürs Miteinander und da wird streng drauf geachtet. Niemand darf jemand anderen abwerten, niemand darf sich anmaßen zu denken, er wüsste, was für den anderen richtig sei.

Erziehen? Nein. Beziehung? Ja.

Unser Sohn? Hat sich schnell eingelebt und entspannt. Endlich innerlich entspannt. Er geht jetzt wieder gern zur Schule.

Wir? Haben im Rekordtempo dazu gelernt. Denn diese Schule bedeutet auch: zu Hause werden ähnliche Regeln gelebt.

Erziehen? Nein. Beziehung? Ja.

Tja. Und nun kommen wir zu dem Thema des Artikels… denn eine Mutter, die ihr Kind auf eine Schule gehen lässt, an der es nicht automatisch einen Abschluss macht und bei der überhaupt nicht klar ist, was oder wieviel es jemals lernt… ich formuliere es mal vorsichtig: ich falle aus dem Rahmen.

Ich habe Vertrauen in mein Kind, ebenso wie in jedes andere Lebewesen, dass das, was es freiwillig macht, das Passende für es sein wird. Denn es entwickelt gar nicht erst das Gefühl, das seine eigene Meinung nichts wert sei. Es muss nicht anderen Lebensformen und Werten entsprechen. Es verliert nicht seine Integrität. Es kann jetzt und zukünftig authentisch handeln und selbst über seine Zeit und Aufmerksamkeit entscheiden.

Wäre ich eine Glucke, könnte ich mit meinem Kind keine lebendige Beziehung eingehen, denn ich sehe es nicht mal, wenn es unter mir verschwindet und in meiner begrenzenden Welt brütet.

Daher mag ich eine Rabenmutter sein und ich sage: ich bin es gern. Raben stehen für Klugheit und Weitsicht. Ich lasse mein Kind frei und schaue von weit oben, ob die Bedingungen stimmen, gebe Hinweise auf weit entfernte Gefahren, damit es bei Bedarf seinen Weg anpassen kann.

Ich bin ratgebende Begleiterin. Seinen Glücksweg findet mein Kind ganz allein.

Angelika Norden ist 39 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Söhne (10 und 4 Jahre). Sie ist Glücks-Coach bei GLÜCKsLEBEN – Glücksinspirationen und ihren Blog findet ihr dort.

 

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