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Von Rabeneltern und Nestwärme

Ein Gastbeitrag von Myrto

Mutter sein ist eine andauernde Entwicklung. So viele Vorstellungen und Vorsätze ich vorher hatte, so viele habe ich umgeworfen und angepasst. Auf meinem Weg sehe ich mich regelmäßig mit den Meinungen meiner Mitmenschen konfrontiert.

Es fing schon in der Schwangerschaft an: „Du musst mehr essen, du bekommst Zwillinge!“ Ich aß ausreichend und so ausgewogen ich konnte, aber nicht absichtlich mehr. Ich vertraute meiner Hebamme, die selbst Zwillinge hat und die mich kompetent begleitete.

Im ersten Lebensjahr sorgten wir dafür, die Kinder nicht zu überreizen. Wir reisten wenig, waren abends immer zu Hause und bei Familienfeiern brachten wir die Kinder nach einer Stunde aus dem Raum. Auch heute noch achten wir darauf, ihnen nicht zu viel zuzumuten. „Ihr habt eure Kinder überbeschützt, sie sind nichts gewohnt.“ oder: „Das sollten sie aber schon aushalten/mitmachen können!“, bekamen wir zu hören.

Jedes Kind ist anders. Unsere gehören zur eher feinfühligen Sorte. Klar bin ich stolz auf sie. Aber warum soll ich sie von Treffen zu Treffen schleppen und von Schoß auf Schoß setzen, damit andere ihre Neugier stillen können, wenn sie sich anschließend abends in den Schlaf schreien, weil ihnen alles zu viel war?

Ein weiteres Beispiel, das mich sprachlos ließ, ist als mich eine gute Freundin mit ansonsten sehr ähnlichen Ansichten rügte, weil ich es nicht über die Lippen bekomme, über mich in der dritten Person („Mama kommt schon!“) zu sprechen: „Das ist nicht gut für Kinder, sie verstehen das nicht, es bringt sie nur durcheinander.“

Auch ich habe gelesen, dass Kinder das Verständnis für Ich und Du erst entwickeln müssen. Abgesehen davon, dass mir Authentizität wichtig ist, halte ich es für ebenso verwirrend, nach einer bestimmten Zeit plötzlich anders mit den Kindern zu reden. Bisher funktioniert unsere Kommunikation ganz gut und ich sehe, dass sie mich verstehen.

Auch das Thema Beikost ist ein anscheinend schwieriges. Als die Kinder 6,5 Monate waren, fingen wir langsam mit der Beikost an. Wir haben ihnen Fingerfood statt Brei gegeben, Lebensmittel und Konsistenzen ausprobieren lassen und sind dabei keinem bestimmten Konzept gefolgt.

„Sie werden sich am Essen verschlucken, das ist gefährlich und verantwortungslos!“ oder: „Was sagt der Arzt dazu?“, hörten wir mehr als einmal. Es dauerte, bis die erste Stillmahlzeit ersetzt war, dafür blieb unseren Kindern ihre Autonomie und wir sparten uns das Pürieren. Ernsthaft verschluckt haben sie sich nie. Wir waren stark beeindruckt davon, was sie ohne Zähne alles klein bekamen!

Indirekter Vorwurf: Rabenmutter!

Das sind nur einige Beispiele. Alle haben in meiner Auffassung Folgendes gemeinsam:

  1. Sie werfen mir vor, nicht gut/richtig für meine Kinder zu sorgen, dass ich meine Aufgabe nicht gut (genug) mache.
  2. Sie implizieren, dass ich ungenügend informiert bin oder dass es mir schlichtweg egal ist.
  3. Die Sprecher scheinen genau zu wissen, wie ich meine Kinder erziehe, und sie alle, ob kinderlos oder selbst Eltern, wissen scheinbar besser als ich, was gut für meine Kinder ist.
  4. Und diese armen Kinder müssen dringendst gerettet werden. Oder mir armen Mutter die Augen geöffnet. Jedenfalls gibt es da wohl Handlungsbedarf.

Oder doch Übermutter?

Soweit es mir in der Umsetzung möglich ist, ziehe ich meine Kinder bedürfnisorientiert groß. Dabei versuche ich, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen und sie gleichwürdig zu behandeln. Ich informiere mich über verschiedene Ansätze und Möglichkeiten. Es ist für mich nicht unbedingt das richtig, „was man halt so tut“, sondern was mich überzeugt und für uns funktioniert. Gerne entscheide ich mich für den kinderfreundlichen, anstatt für den erwachsenenfreundlichen, oft bequemeren Weg.

Das hört sich wahrscheinlich übertrieben an. Das Beste für meine Kinder zu wollen, sie zu beschützen, dabei keine unnötigen Kompromisse einzugehen, über alles nachzudenken – das klingt eher nach einer Glucke. Gleichzeitig bekomme ich wie oben ausgeführt immer wieder gezeigt, dass ich es irgendwie doch nicht so gut mache. Dann bin ich wohl eine Rabenübermutter.

Weniger Senf, bitte!

Wir Menschen neigen dazu, unseren Senf ungefragt abzugeben. Das halten wir dann für Tipps, Ratschläge, Hilfe – schließlich ist es gut gemeint. Oft sind es uns nahestehende Personen, die sich einmischen, das macht es besonders unangenehm. Ungefragt ist in vielen Fällen gleichzusetzen mit ungebeten, das ist dann eher übergriffig und damit ist niemandem geholfen.

Insbesondere das Thema Erziehung ist ein sehr emotionales. Hier ist meiner Meinung nach große Vorsicht geboten. Wörter wie müssen, sollen, gut/falsch halte ich für gefährlich. Jeder hat seine eigenen Vorstellungen, Prinzipien, Wünsche und Bedürfnisse. Auch wenn sich diese nicht mit den eigenen decken – reinreden, korrigieren, ermahnen hat wenig Effekt.

Ich möchte für meine Familie selbst entscheiden dürfen, was gut für uns ist. Solange wir niemandem damit weh tun, sehe ich keinen Grund, es nicht so zu handhaben. Die Wünsche und Vorstellungen anderer zu meiner Schwangerschaft, zu meiner Familie, zu meiner Art der Er-/Beziehung haben etwas mit ihnen und nicht mit mir zu tun.

Mehr Ohren und Vertrauen stattdessen

Ich höre mir gern andere Möglichkeiten an und ich bin durchaus auch dankbar für Erfahrungswerte. Was ich in manchen Momenten aber am meisten brauche, ist eine verständnisvolle Schulter zum Anlehnen. Ein offenes Ohr. Zuhören kann so viel wertvoller sein als Ratschläge. Ich habe mal gelesen, dass wir in Gesprächen viel mehr damit beschäftigt sind, was wir dem anderen antworten werden, als damit, aktiv zuzuhören. Beobachtet euch mal dabei. Seid ihr mit eurer Aufmerksamkeit bei eurem Gesprächspartner oder bei euren eigenen Gedanken? Probiert doch mal aus, nicht zu unterbrechen, nicht zu antworten, einfach ausreden zu lassen und zuzuhören. Das ist ganz schön ungewohnt. Ich tu mich selbst schwer damit, aber ich übe fleißig.

Was ich mir außerdem wünsche, ist mehr Vertrauen. Wenn jemand etwas anders tut als ich, bedeutet das nicht automatisch Kritik an meiner Art und Weise. Dann kann ich erstmal fragen, warum die Person es so tut.

Und überhaupt: Wann ist es wirklich notwendig, aktiv einzugreifen? Niemand möchte das Gefühl bekommen, Rabeneltern zu sein. Ihr findet doch selbst auch, dass eure Entscheidungen und Methoden „die richtigen“ sind und dass ihr gute Eltern seid?

 

Myrto lebt mit Freund und Doppelpack in Berlin. Sie kennt sich aus mit Tandem-, Einschlaf- und Langzeittragen und -stillen und sympathisiert mit alternativen Er-/Beziehungsmethoden. Ihre stetig wachsende Begeisterung fürs Tragen gibt sie durch ihre Trageberatung Bindungsweisen weiter.

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