Von Wurzeln und Flügeln…

…und Pommes. Eine Lektion.

Johann Wolfgang von Goethe hat einmal gesagt: „Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.“ Wurzeln, um zu wachsen und einen sicheren Stand im Leben zu haben. Flügel, um frei zu sein, um über sich hinaus zu wachsen. Die Welt zu erkunden und so viel zu sehen, wie nur möglich. Den Überblick zu haben. Über den Tellerrand zu schauen.

Ich habe heute eine wertvolle Lektion gelernt. Beigebracht hat mir das, wie schon so oft, mein kleiner Sohn. Der ist erst drei, aber, wie letztens eine Freundin sagte „Er ist irgendwie weise.“ Und sie hat Recht. Natürlich ist er ein Kind, ein Clown, ein Quatschkopf. Mal bockig, mal quengelig, nervig und dann wieder lieb – wie jeder Dreijährige. Aber er hat etwas sehr Weises an sich. Seitdem er geboren wurde.

Pures Gold

Als er noch in meinem Bauch weilte, bekam ich ein tolles 3D-Ultraschallbild in Sepia-Tönen, das ich stolz den Nachbarn und ihrem Fünfjährigen zeigte. Der kleine Mann sah es an und fragte beeindruckt „Ist das Baby ganz aus Gold?“ Wir lachten und ich fand den Spruch sehr schön.

Und was soll ich sagen – irgendwie hat er Recht behalten. „Goldig“ ist das Wort, das meinen Sohn am besten beschreibt. In Bezug auf seine Haarfarbe, im Sinne von „niedlich“ aber auch im Sinne von „treu wie Gold“. Er ist so rundum echt, treu und ehrlich. Beschreibt man meinen Sohn, kommt man um das Wort „Gold“ in all seinen Wortspiel-Nuancen einfach nicht herum. Goldig und halt auch irgendwie weise. Mit seinen Worten bringt er mich oft zum Nachdenken.

Ich, die Supercoole

Was man sich so als Kinderlose vornimmt! Ein ganz eigenes Thema – aber einer der Punkte, in denen ich mir ganz sicher war, war dieser: Ich würde immer eine obercoole Mama sein, die total entspannt neben dem Spielplatz steht und ihrem Sprössling beim Klettern und Toben zusieht. Er würde auf Spiel-Verabredungen gehen, zu Kindergeburtstagen und dann hätte ich dann ja auch mal Zeit für mich. So der Plan.

Denkste. Ich würde es bei „Deutschland sucht die Superglucke“ mühelos auf den ersten Platz schaffen. Auf Kindergeburtstagen und Spieldates bin ich mit dabei. Auf dem Spielplatz bin ich nicht eine Sekunde lang entspannt, während meine Augen den Bereich nach potentiellen Gefahren absuchen und mein Gehirn ein Worst-Case-Szenario nach dem anderen ausspuckt.

Am liebsten möchte ich ihn immer fest an der Hand halten, damit er nicht stolpert, ausrutscht oder fällt. Ich möchte immer hinter ihm klettern, sodass er weich fällt, wenn ich ihn schon nicht immer auffangen kann. Ich möchte die ganze Welt polstern, damit er sich nicht weh tut. Ich möchte alle gemeinen, bösen und unhöflichen Leute wegsperren, damit ihm niemand weh tut.

Doch bereits mein Dreijähriger belehrt mich eines Besseren. Zum Beispiel auf der steilen und engen Treppe im Ferienhaus: „Ich trage dich rauf und runter, damit du nicht fällst.“ „Nein, Mama. Ich kann das!“ Nun haben wir einen Kompromiss geschlossen: Ich laufe hinter bzw. vor ihm (die Treppe ist wirklich sehr steil!) und er geht eigenständig hinauf und hinab.

Und heute, als wir am Strand spazieren gingen, lernte ich meine nächste Lektion.

Dieser Strand führt nicht direkt über den Sand ins Meer, es ist mit Steinen befestigt. Als Wellenbrecher gibt es dort zwei Reihen versetzter Steine, auf denen die Kinder gern balancieren und auf denen sie von einem zum anderen springen.

„Mama! Ich will da drauf laufen!“

„Ich geh rechts und du links, okay?“ Und ich nahm ihn an der Hand. Er schüttelte meine Finger ab – und stolperte sofort. Wackelig hangelte er sich von einem Stein zum anderen. Erneut nahm ich seine kleine Hand. Erneut entzog er sie mir.

„Mama, geh du vor!“, rief er. Und das tat ich. Als ich mich umdrehte, sah ich, dass er nicht einmal die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte.

„Soll ich zurückkommen?“

„Ja, kannst du bitte mich helfen?“, piepste er in seiner eigenen Grammatik, wacklig von einem Stein zum nächsten balancierend.

Ich ging zurück und wollte nach der kleinen Hand greifen, die balancesuchend in der Luft hing.

„Nein, Mama. Nur da sein – nicht festhalten“, rief da mein kleiner Junge.

Nur da sein – nicht festhalten.

Nur da sein – nicht festhalten. Wow. Im ersten Moment war ich vor den Kopf gestoßen. Dann lief ich einfach neben ihm her. Wann immer er wackelte, hielt er sich an meinem Finger, meiner Hand, meiner Jacke fest und ließ sofort los, wenn er wieder fest stehen konnte. So meisterten wir die restliche Strecke in ziemlich kurzer Zeit.

Nur da sein – nicht festhalten. Um ihm Wurzeln zu geben, muss ich ihn gar nicht ständig festhalten oder an ihm ziehen. Dann würde er nur krumm und schief wachsen – in die Richtung, in die er will, die er aber durch mich nicht einschlagen kann, weil ich ihn halte.

Nur da sein – nicht festhalten. Da sein, um Halt zu geben, wenn er wackelt. Wie viel Halt und wie lange, ist nicht an mir zu entscheiden. Das entscheidet er.

Damit er ein standhafter, gerader, gesunder Mensch wird, muss ich nur da sein, wenn er mich braucht. Ich muss ihn nicht festhalten. Wer festgehalten wird, kann nicht fliegen. Aber er muss sich darauf verlassen können, dass ich neben ihm gehe, und im Ernstfall da bin. Ich kann nicht verhindern, dass er sich weh tut oder dass ihm jemand weh tut. Aber ich kann da sein, wenn das so ist, damit er sich anlehnen und kurz festhalten kann und nicht ins Fallen kommt.

Wurzeln und Flügel. Ach ja! Und Pommes, die sind zur Zeit genauso wichtig!

12 Antworten
  1. Baustellenmädchen
    Baustellenmädchen says:

    Wirklich schön geschrieben. Habe bei deinen Worten oft an meinen eigenen kleinen Goldjungen gedacht… Und wie schön es ist ihn zu haben.
    Danke dafür

    Antworten
  2. Löwenmama
    Löwenmama says:

    Vielen Dank für diese wunderbaren und weisen Gedanke . Ich habe mich/uns nur zu gut wiedererkannt- von der Glucke bis zum Dreijährigen, der nicht gehalten werden will, aber mich neben sich wissen…

    Antworten
  3. Flodderkind76
    Flodderkind76 says:

    Hallo Tanja, ein toller Beitrag, manche Passagen sind richtig witzig und manche regen zum Nachdenken an, dazu so voller Liebe und Glück geschrieben, echt toll!!! Ich bin gespannt auf die nächsten Beiträge 😉

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Trackbacks & Pingbacks

  1. […] macht. Generell ist er sehr empathisch und ein toller großer Bruder. Er sagt manchmal sehr weise, schöne Dinge und ich kann wirklich noch etwas von ihm […]

  2. […] zu behindern, sie nicht einzuschränken und ihnen die Freiheit zu geben, die sie brauchen. Ihnen Wurzeln und Flügel  geben. Die Angst ist von jetzt an Teil deines Lebens. Das ist der Preis, den wir Mütter […]

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