Wenn’s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith

Eine Buchrezension.*

Titel: Wenn’s ein Junge wird nennen wir ihn Judith
Autor: Christian Hanne
Preis: 9,99 Euro
ISBN: 978-3937088211

Der Titel war so bescheuert, dass ich es unbedingt haben musste. Ich meine, „Wenn‘s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith“? Was ist denn das für’n Titel? Ein ungewöhnlicher, aber genialer, muss ich zugeben. Ein Buch mit diesem Titel kann ja nur eins sein: Lustig. Und das ist es.

Spaßig und kurz

Mit 125 Seiten kommt Christian Hannes Buch, dessen Blog „Familienbetrieb“ ihr vielleicht kennt, eher schlank daher. Das ist einerseits schade, denn wer den Humor von „Familienbetrieb“ kennt, der kann erahnen, dass man beim Lesen schallend lachend die verwunderten Blicke seiner Mitmenschen auf sich zieht – und dann ist es auf einmal schon vorbei und man bleibt mit Nachwehen vom Lachen etwas außer Atem zurück. Und will nur eines: MEHR! Anderseits ist es so aber besonders für werdende Väter geeignet, die nicht ganz so viel Zeit oder Lust zum Lesen haben. Auch Fußballfans kommen auf ihre Kosten (s. weiter unten).

Christian Hanne beschreibt in seinem Buch die Stationen vom Entschluss, ein Kind zu bekommen bis hin zur Geburt und den ersten Monaten mit dem Bilderbuch-Baby, das, sobald die Dämmerung einsetzt, eine Metamorphose wie ein Gremlin, der nach Mitternacht gefressen hat, durchläuft. Er beschreibt das so gut, dass ich vieles wiedererkannt habe und mich vor Lachen geschüttelt habe.

Auch die Qual der Wahl bei der Namenssuche (zum Glück ist es dann ja doch kein „Jesus“ geworden) kennen viele nur zu allzu gut: Während wir für ein Mädchen eine ganze Liste von Namen zur Auswahl gehabt hätten, waren wir bei unseren Jungs-Namen eher ratlos und es kamen nur wenige in Frage. Okay, Judith war jetzt nicht dabei…

Eso-Hölle und Hebammen-Ultras

Ich finde es ein bisschen schade, dass Christian nicht im gleichen Geburtsvorbereitungskurs war wie wir. Dort wurde uns am Ende ein Film aus den 70er Jahren gezeigt. Mit vielen Haaren – wirklich vielen, vielen Haaren – Knast-Tattoos und gruselig-lustigen Frisuren, bei denen so manches Baby bestimmt lieber ganz schnell wieder zurück ins wohlig-warme Dunkel wollte. Der Bericht wäre bestimmt genauso lustig geworden, wie das Kapitel „Geburtsvorbereitung aus der Eso-Hölle“.

Geburtsvorbereitungskurse sind so eine Sache für sich. Die einen schwören drauf, die anderen halten sie für überflüssig. Wie Mann sich während der Geburt nützlich machen kann, um nicht nur geburtsschmückendes Beiwerk zu sein, erfährt er aber nicht nur im Geburtsvorbereitungskurs sondern auch in den unzähligen Foren:

„In einem anderen Forum schildert eine Mutter, sie habe es als äußerst hilfreich empfunden, dass ihr Mann sie während der Entbindung angefeuert habe. Wie kann ich mir das vorstellen? Gibt es eine Hebammen-Ultras-Vereinigung, bei der ich Choreographien und Fan-Gesänge erlernen kann? Zum Beispiel zwischen den Wehen: „Eine kommt noch, eine kommt noch nach!“ Oder: „Steh auf, wenn du Wehen hast!“ Und wenn das Kind dann draußen ist, singe ich „You’ll never sleep alone!“

Warten auf’s Baby

Was, wenn das Kind sich zum errechneten Termin nicht blicken lässt und schon alle – von der Bäckereiverkäuferin bis zum Postboten fragen, wann es denn endlich soweit ist?

Von der anregenden Massage mit Zimt-, Nelken-, Eisenwurz- und Ingweröl und stimulierenden Tees über gut gewürztes Essen („Schlage nach Tagen asiatischer Kost vor, das Kind „Chop Suey mit acht Kostbarkeiten“ zu nennen.“), dem warmen Bad, ausgiebigen Spaziergängen, Nelkenöl-Tampons, bis hin zu leichten körperlichen Tätigkeiten, Bauchtanz und natürlich dem Sex wird hier alles ausprobiert. Nur letzteres bleibt dann leider theoretisch:

„Es wäre doch geradezu folgerichtig, die Schwangerschaft damit zu beenden, womit sie begonnen hat. Willige schließlich ein. Bin von den ausgiebigen Spaziergängen und den ausufernden Bauchtänzen der letzten Tage aber erschöpft wie ein Marathonläufer nach dem Zieleinlauf und schlafe schon beim Vorspiel ein. Sollte Sex tatsächlich das letzte Mittel zur Einleitung der Wehen sein, sehe ich ob meiner geschwächten Libido für die Geburt des Kindes schwarz.“

Sex, Spinnen und Ed Hardy

Das Kind ist dann schließlich doch noch gekommen – nach nur 48 Stunden, die in einem höchst amüsanten Protokoll festgehalten werden.

Wer sich seelisch darauf vorbereiten möchte, wie das so ist mit einem Säugling oder wer es nochmal nachlesen und sich erinnern möchte, wer wissen möchte, wie wohl Ed Hardy auf die Ideen seiner Modekreationen kommt, wie man mit den unzähligen Besuchen der lieben Verwandten am besten klarkommt oder woran sich die Street Credibility von Neugeborenen bemisst, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen!

Ob gulliveresque Spinnen oder die olympischen Sexspiele der Nachbarn – Christian Hanne beschreibt alle Erlebnisse so lebensecht und mit so viel Humor, dass man fast glaubt, man sei dabei gewesen. Der bereits viel zitierte adipöse Beluga war mein absolutes Highlight – nicht zuletzt, weil ich mich in meinen Schwangerschaften (zumindest am Ende hin) ganz genau so gefühlt habe.

Ein wunderbares, unglaublich lustiges, kurzweiliges Buch für werdende Eltern!

Ein Interview mit dem Autor lest ihr hier.

*Um den Text nicht mit zahlreichen Anführungszeichen zu fluten und dem Leser so blutige Augen zu bescheren, habe ich die Zitate kursiv dargestellt. Alles Schräge, was schräg ist, ist also nicht von mir!

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  1. […] „Ich überlege, ob ich Mathe doch weiter nehme – bis zum Abi!“ Meinem Mathelehrer entgleisten daraufhin sämtliche Gesichtszüge, denn ich war und bin, was Zahlen angeht, ein völlig hoffnungsloser Fall. Wie es euch gelingt, euren Kindern den „Voldemort unter den Fächern“ näherzubringen, erklärt Christian Hanne, Blogger des Familienbetriebs und Autor des Buches „Wenn’s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith“. […]

  2. […] Hier gibt’s den vollständigen Text. […]

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