Manuela: Zwischen Wahn und Wirklichkeit

Schizophrenie - nichts ist wie es scheint

Vom Leben mit einer schizophrenen Mutter

Mutterliebe, das ist die stärkste Kraft überhaupt, sagt man. Die Bindung von Mutter und Kind ist stark und unverwüstlich, heißt es. Aber das ist nicht immer so. Manchmal ist das Mutter-Kind-Verhältnis überhaupt nicht so, wie es sein sollte.

In unserem Interview hat mir Manuela* vom schwierigen Leben mit einer an paranoider Schizophrenie erkrankten Mutter erzählt. Was das für das Familienleben bedeutete und wie ihr Verhältnis zur Mutter heute ist, wo sie selbst Mama einer Tochter ist.

Meine Mutter ist schizophren. Als ich 13 oder 14 Jahre alt war, brach die Krankheit aus. Schon jahrelang hatte es Vorboten gegeben, die Schizophrenie kam nicht plötzlich, sondern hatte sich eigentlich schon lange angekündigt. Man hatte nur die Zeichen noch nicht deuten können.

„Alle Schuld – außer ich!“ – Charakterzug oder Symptom?

Ein wesentlicher Charakterzug meiner Mutter ist der, dass sie überzeugt ist, niemals etwas falsch zu machen. Alles, was schief läuft, ist die Schuld anderer. So war sie schon immer, aber bei einer Krankheit wie ihrer, ist so eine Einstellung natürlich nicht förderlich.

Als ich etwa ein Jahr alt war, das hat mir mein Vater erzählt, begann meine Mutter zu klauen. Sie ging mit mir in die Stadt und kam mit Mengen an Dingen wieder, die wir uns niemals hätten leisten können. Irgendwann stellte er sie zur Rede und sie antwortete stolz: „Das habe ich alles geklaut! Und nie merkt es einer!“ Es stellte sich zudem heraus, dass sie eine extreme Kaufsucht entwickelt hatte. Mein Vater drängte sie daraufhin, eine Therapie zu machen, was meine Mutter aber nicht angenommen hat. Sie ging zwei oder drei Mal zu den Sitzungen, sah dann aber keine Notwendigkeit mehr darin.

Schon immer ohne Struktur

Meine Mutter war schon immer extrem unstrukturiert, wir Kinder hatten nie einen geregelten Alltag, das war auch schon so, als mein Bruder noch klein, also noch Einzelkind, war. Regelmäßige Mahlzeiten hat sie noch hinbekommen, aber sie war bereits mit dem Abräumen des Geschirrs überfordert. In unserer Küche türmten sich schmutzige Teller und Tassen. Nicht selten verschimmelten und verfaulten Lebensmittel auf dem Herd, weil sie die Essensreste nicht wegräumte. Wir Kinder hatten oft nichts anzuziehen, weil sie sich nicht um die Dreckwäsche kümmerte und es irgendwann nur noch schmutzige Kleidung gab. Phasen von extremer Antriebslosigkeit, dann wieder Rastlosigkeit gefolgt von (damals noch milden) wahnhaften Phasen wechselten sich ab.

Sie hatte das so nicht aus dem Elternhaus mitbekommen, sie kam nicht aus idealen, aber auch nicht aus extrem schlechten Verhältnissen. Allerdings ist ihre Mutter früh verstorben und danach musste ihre kleine Schwester eine Art Mutterrolle für sie übernehmen. Nicht einmal das Kochen für Stiefvater und Schwester bekam sie auf die Reihe – und am Ende hat meine Tante, die damals bereits selbst arbeiten ging, sich um Vater, Haushalt und den Garten gekümmert – und gelegentlich noch die Wohnung meiner Mutter aufgeräumt.

Als uneheliches Kind hatte meine Mutter ihr ganzes Leben lang ein geringes Selbstwertgefühl. Wie ihre Kindheit war, kann ich nicht sagen, da sie nie darüber geredet hat – aber im Nachhinein passt das alles zusammen. Es gibt weiterhin eine genetische Vorbelastung für Schizophrenie. Wenn dann noch eine schwierige Lebensweise dazukommt, wie zum Beispiel, dass wir zu der Zeit wirklich gravierende finanzielle Probleme hatten, kann die Erkrankung ausgelöst werden, wobei das oft schleichend vor sich geht.

Auf einmal war der Teufel hinter ihr her

Schließlich brach die paranoide Schizophrenie aus. Die Kleptomanie mag ein Vorbote gewesen sein, die Unstrukturiertheit ein Symptom. Kurz bevor es zu dem Vorfall kam, der ihre Einweisung zur Folge hatte, hatte sie bereits begonnen, Selbstgespräche zu führen. Sie erzählte wilde Storys, wie die, dass auf dem Dach unseres Hauses ein Ufo gelandet sei – und glaubte fest daran, mit Logik war ihr da nicht beizukommen. Auch fühlte sie sich von Radiomeldungen angesprochen und rief mehrmals bei den Sendern an: Man habe ihr doch befohlen, sich zu melden! Die Reaktionen der Radiomoderatoren waren entsprechend…

Und dann, in einer Nacht, war auf einmal der Teufel hinter ihr her. Es war Herbst und es war bitterkalt, da rannte meine Mutter im Nachthemd davon und versteckte sich mehrere Stunden lang in einer Dornenhecke vor Satan. Verletzt und blutig, brachten mein Vater und meine Tante sie danach in eine Klinik. Zuerst wollte man sie dort nicht aufnehmen, weil sie nicht bleiben wollte. Da sie kurze Zeit zuvor für mehrere Tage verschwunden war und niemand wusste – bis heute nicht – wo sie sich aufgehalten hatte, drängten Vater und Tante natürlich zu ihrem eigenen Schutz darauf und schließlich willigte meine Mutter ein.

Kein Platz für psychische Erkrankungen

Damals, in den 90ern, war alles noch anders. Psychische Erkrankungen hatten in der Gesellschaft noch weniger Platz als heute. Niemand kümmerte sich um uns als Familie, keiner hat sich für unsere Situation zuhause interessiert oder etwas hinterfragt. Es gab keine Infos für die Angehörigen, über Selbsthilfegruppen zum Beispiel – wir wussten nicht einmal, dass es sowas gab. Einmal besuchten wir Mama in der Klinik und sie war sediert und mit Ledergurten ans Bett fixiert – sowas würde man heute den Angehörigen, speziell den Kindern, nicht mehr zumuten – damals interessierte es keinen.

Was wir aber wussten: Darüber spricht man nicht. Also haben wir niemals etwas nach außen gelassen. Nicht einmal meine allerbeste Freundin wusste davon. Ich konnte ja selbst damit nicht umgehen. Ich sah, wie es bei anderen Familien aussieht und verglich das mit unserer Situation. Ich wollte nicht, dass irgendjemand davon erfährt.

Ich wurde zur Mutter meiner Mutter

Seit dem Vorfall mit der Dornenhecke, hatte ich begonnen, die Mutterrolle für meine Mutter zu übernehmen – mitten in der eigenen Pubertät und eigentlich mit den üblichen eigenen Problemen beschäftigt. Das ging so weit, dass ich sie bevormundete und maßregelte wie eine Erziehungsberechtigte und sie sich querstellte wie ein kleines Kind. Wir Kinder kümmerten uns ja eh schon so gut es ging um den Haushalt – und ich mich nun auch noch um sie.

Meine Mutter war nie besonders mütterlich gewesen, nicht so, wie man es heute auf Facebook in zahllosen Mama-Gruppen zu lesen bekommt. Ich hatte nie zu ihr aufgesehen, sie war niemals mein Vorbild, wie es bei anderen der Fall ist. Ich sah sie nie als eine Schulter zum Anlehnen.

Ich wurde zur Bezugsperson für meine Mutter. In einer psychotischen Episode hatte sie sich eingeredet, mein Vater und mein Bruder wollten sie vergiften – sie umbringen – und das hatte ihr Verhältnis zu meinem Bruder nachhaltig beschädigt. Oft drehte sie im psychotischen Schub alle Bilder von ihm um. Klar, dass sowas Spuren hinterlässt. Mein Bruder ist neun Jahre älter als ich, sobald er konnte, zog er aus.

Familienleben? Fehlanzeige.

Verübeln kann ich ihm das nicht. Unser Familienleben war geprägt von Streit. Streit zwischen meinen Eltern, deren Ehe schon längst in die Brüche gegangen war – mein Vater blieb nur wegen uns Kindern. Ein richtiges Familienleben war das nicht. Streit zwischen meinem Bruder und meiner Mutter, meist darüber, dass nichts Sauberes zum Anziehen da war. Streit um Geld, das fehlte an allen Ecken und Enden. In der Schule rutschte ich ab, doch niemand hinterfragte, wieso. Hätte aber auch nichts genützt, denn niemand von uns hätte die Probleme zugegeben.

Mein Vater war oft geschäftlich unterwegs und – zu seinem Glück – außer Haus. Ich eignete mir eine extreme Wachsamkeit an. Anstatt zu schlafen, lauschte ich, ob meine Mutter wieder rastlos umhertigerte. Ob sie wieder Selbstgespräche führte. Ich hatte Angst, es zu verschlafen, wenn sie wieder in den Wahn abglitt.

Hörte ich, dass sie wieder mit sich selbst sprach, stand ich auf und setzte mich zu ihr. Ich sprach mit ihr, hinterfragte alles und versuchte ihr so mit Logik zu zeigen, dass das alles nicht real war. Meine Mutter glaubte mir nicht, aber sie vertraute mir. Ich war ihr Anker, ich war ihre starke Schulter.

Ihr seid die Kranken, nicht ich!

Ich war nie Teil ihrer Wahnvorstellungen, so wie mein Vater oder mein Bruder, ich war für sie nie die Böse. Drohte ein psychotischer Schub, versuchte ich, die Kontrolle zu übernehmen und konfrontierte sie mit ihren Wahnvorstellungen. Zeigte ihr, dass auf dem Dach des Hauses kein Ufo war. Redete mit Engelszungen dagegen an. Ich dachte, wenn sie selbst begänne, ihre Realität zu hinterfragen, würde sie irgendwann wieder zur Mutter, zu meiner Mutter. Aber mit Logik ist einem Schizophrenen nicht beizukommen.

Das größte Problem der Erkrankten ist die nicht vorhandene Krankheitseinsicht. Der Wahn ist ihre Realität. Dass wir anderen das nicht sehen können, zeigt nur, dass wir dumm sind. Oder blind. Das passte natürlich gut zu ihrem bereits erwähnten Charakterzug, der zu einer Art Allmachtsphantasie wurde: Sie machte ja nie etwas falsch. Sie war immer im Recht. Die Ärzte, die Experten – Ha! Die wussten nichts, aber sie! Ja, sie wusste alles. Die anderen waren die, die irrten. Die anderen waren im Unrecht. Nicht sie war krank, sondern alle anderen.

Das ist eine gewöhnliche Sicht der Dinge bei an Schizophrenie Erkrankten und eines der größten Probleme. Denn man darf ja in der Regel niemanden zwingen, seine Medikamente zu nehmen. „Warum soll ich eigentlich Medikamente nehmen? Ihr seid doch die Kranken!“ wird bestimmt nicht wenigen Angehörigen von den Erkrankten vorgeworfen.

Schizophrenie heißt auch furchtbare, wahnsinnige Angst

Einmal rief sie aus der Klinik eine Freundin an und erklärte ihr, sie habe einen Plan, wie sie da raus käme: „Du musst so tun, als sei der Teufel gar nicht da! Dann lassen sie dich gehen“, flüsterte sie verschwörerisch. „Erst gestern habe ich ein Bild gemalt, aus dem Satan zu mir gesprochen hat, aber das sage ich hier keinem. Die glauben mir nämlich nicht.“

Was man nicht vergessen darf: Die Erkrankten tun das nicht aus reiner Bosheit. Ich stelle mir das wirklich ganz furchtbar vor. Da muss eine ganz wahnsinnige Angst das Leben bestimmen. Wenn man ständig auf der Hut sein muss, weil einem Sohn und Ehemann nach dem Leben trachten, Außerirdische auf dem Dach landen und der Teufel einen jagt – all das ist ja in den psychotischen Phasen Realität für diese Menschen. Und niemand glaubt ihnen.

Schizophrenie - bedrohliche Welt

Die ganze Welt wirkt bedrohlich

Wird die Krankheit früh genug erkannt und behandelt, könnte der Betroffene ein fast normales Leben führen. Könnten diese Menschen zu Therapie und Medikamenteneinnahme gezwungen werden, würde es vielen sicher besser gehen. Aber das geht natürlich nicht.

Die Polizei kennt uns schon

Die fehlende Krankheitseinsicht und das Verweigern der Medikation sind bis heute die größten Probleme bei meiner Mutter. Vor einiger Zeit mussten wir meine Mutter auf einer Polizeiwache abholen, da sie auf der Autobahn zu Fuß unterwegs gewesen war.

Im letzten Jahr kam sie ohne Ankündigung nach einem fast acht Kilometer langen Fußmarsch in der Kälte bei mir zuhause an, da sie sich in ihrer Wohnung verfolgt gefühlt hatte. Als sie dann hier war verfiel sie wieder in Panik und machte sich, abermals zu Fuß, wieder auf die Flucht. Diesmal Richtung Feld, Wald und Wiesen. Da rief ich die Polizei, die sie schließlich auf einem einsamen Feldweg fand. In den Polizeiwagen wollte sie aber nicht einsteigen und zwingen konnte man sie nicht, denn auf die Beamten machte sie dafür einen zu sortierten Eindruck. Daher fuhren die Polizisten unverrichteter Dinge wieder ab – und ich musste bitten und betteln, sie möge sich doch von mir nach Hause fahren lassen. Während dieser ganzen Sache war meine Tochter sicher bei ihrer Tante – Gott sei Dank konnte ich sie unterbringen und ich musste sie nicht mit auf die Odyssee in der Kälte nehmen, sie war da erst wenige Monate alt.

Die Polizisten in unserem Wohnort kennen uns schon. Sie versuchen immer, viel Verständnis aufzubringen, aber ihnen sind die Hände gebunden. Auch wenn ich, als langjährige Bezugsperson sehe, dass die Situation schlimm ist und es meiner Mutter schlecht geht, sieht das für die Beamten nicht so aus und sie können sie nur in die Klinik bringen, wenn meine Mutter zustimmt – sie ist ja nicht vollständig entmündigt. Solange keine ganz offensichtliche Fremd- oder Eigengefährdung vorliegt, sind alle anderen machtlos.

Die Hülle, die mal meine Mutter war

Seit einem Jahr bin ich selbst Mutter einer Tochter. Meine Mutter hat erst Monate nach der Geburt meines Kindes bemerkt, dass sie Oma geworden ist und wenn sie ihre Medikamente nimmt, interessiert sie sich manchmal sogar für ihre Enkelin, kauft Geschenke, sucht Kontakt. Aber das ist leider nur selten der Fall. Seitdem meine Tochter da ist, nimmt sie Ihre Tabletten immer seltener.

Je mehr Psychosen jemand erlebt, desto mehr verfestigt sich die Erkrankung und verdrängt die eigentliche Persönlichkeit, bis der Mensch nur noch eine Hülle mit Krankheit darin ist. Das ist bei meiner Mutter inzwischen der Fall. Von der Mutter, die ich mal kannte, ist nichts mehr übrig.

Der Kampf um eine rechtliche Betreuung

Nach langem Hin und Her mit Gerichten und Gutachtern hat sie nun endlich eine gesetzliche Betreuung – ich fühle mich nicht mehr verantwortlich. Sie lebt eigenständig in einer Mietwohnung, in Teilbereichen ist sie seit einiger Zeit unter rechtlicher Fürsorge. Um finanzielle und gesundheitliche Angelegenheiten und Beantragung öffentlicher Hilfen kümmert sich eine gerichtlich bestellte Betreuung. So ein Antrag muss aussagekräftige und triftige Gründe liefern. Dies wird dann von einem Gutachter geprüft.

Das Problem war, dass in der Vergangenheit eine Betreuung eingesetzt wurde, diese dann aber nach einem Jahr wieder aufgehoben wurde, da keine Notwendigkeit mehr gesehen wurde. Dann verschlimmerte sich ihre Situation jedoch wieder drastisch, sodass ich einen neuen Antrag stellten musste. Sollte es ihr zeitweise wieder besser gehen, kann es also passieren, dass die Betreuung abermals aufgehoben wird, obwohl sie nun mal chronisch krank ist und definitiv keine Besserung, sondern eher eine Verschlimmerung, zu erwarten ist.

Keine sozialen Interaktionen

Sozial ist meine Mutter so gut wie isoliert, sie ist aber auch zu keiner sozialen Interaktion mehr fähig.

Ich muss nun meiner Tochter eine Mutter sein, nicht mehr meiner eigenen Mutter. Ich kann das auch nicht mehr. Nach wie vor bin ich noch ihre letzte Vertrauensperson, aber sie wird mir gegenüber immer häufiger verbal aggressiv, ein wirkliches Gespräch ist schon lange nicht mehr möglich.

Sie ist kognitiv auch gar nicht mehr in der Lage, Sachverhalte zu begreifen, alles geht an ihr vorbei. Sie lebt mehr und mehr in ihrer eigenen Realität. Letztens stand ich auf dem Markt direkt neben ihr am Gemüsestand und sie hat mich wohl erkannt, aber nicht wahrgenommen. Das ist schwierig zu beschreiben.

Angst, selbst zu erkranken

Ich hatte immer Angst, selbst zu erkranken. Es gibt bei Schizophrenie eine erbliche Komponente: Bei gut der Hälfte der Kinder von an Schizophrenie Erkrankten kommt es zu psychischen Auffälligkeiten, doch nur etwa 12 Prozent leiden auch an Schizophrenie.

Vor ein paar Jahren habe ich mich an ein Früherkennungszentrum in Köln gewandt. Dort hat man mich untersucht und ich habe nun einmal im Jahr ein Gespräch mit einem Psychologen. Es wurde nichts festgestellt. Männer erkranken oft im Alter von 15 bis 25, Frauen von 20 bis 35. Ich bin jetzt Mitte Dreißig und noch immer gesund. Das muss nichts heißen, denn ein geringer Prozentsatz an Frauen erkrankt auch noch später, aber ich denke positiv.

Ich hatte zwar keine leichte Kindheit (ein wichtiger Faktor), aber wohl genug Resilienz-Faktoren. Meine Tante hat sich immer viel um mich gekümmert und auch das Verhältnis zu meinem Vater ist stabil und intakt.

„Wenn du nur mit uns geredet hättest! Du hättest doch bei uns wohnen können, meine Eltern hätten dich als Pflegekind aufgenommen“, sagte letztens meine beste Freundin. Aber das hätte ich gar nicht gewollt. Wie auch misshandelte Kinder nicht von ihren Eltern weg wollen, hätte auch ich das niemals ins Auge gefasst. Ich hing sehr an meinem Papa. Und es wäre ein für mich inakzeptabler Kontrollverlust gewesen, hätte ich mich nicht mehr um meine Mutter kümmern können.

Für den Wahn habe ich keine Liebe

Ich kann Angehörigen von Menschen mit psychischer Erkrankung nur raten, sich nicht zu verstecken und offen damit umzugehen. Das ist heutzutage immer noch nicht einfach, aber schon deutlich leichter als noch vor 20 Jahren. Sich Hilfe zu suchen, in Form von Selbsthilfegruppen, erachte ich als wirklich wichtig. Zu sehen, dass man nicht alleine ist, dass andere ähnliche oder vielleicht sogar genau die gleichen Dinge erlebt haben, das hätte uns damals wahnsinnig geholfen.

Und, so hart es klingt: Wenn nichts mehr geht – bevor das eigene Leben vor die Hunde geht – muss man den Kontakt zum Erkrankten abbrechen. Seit unser aller Leben abseits meiner Mutter stattfindet, geht es uns besser: Meinem Vater, meinem Bruder, meiner Tante und mir.

Obwohl man es nicht anders kennt, obwohl man erwachsen ist, beschäftigt und belastet es einen irgendwann zu sehr, es lenkt ab – und das ist meiner Tochter gegenüber nicht fair. Ja, meine Mutter ist inzwischen genau das: Eine Belastung. Das mag sich brutal anhören, aber aus reinem Selbstschutz haben wir den Kontakt auf ein Minimum beschränkt.

Liebe – Liebe ist da nicht mehr. In der Hülle, in der einmal meine Mutter war, sind nur noch Wahn und Leere. Dafür habe ich keine Liebe.

Weitere Informationen zum Thema Schizophrenie und Adressen von Früherkennungszentren findet ihr hier. Hilfe in Krisen, wenn ihr nicht mehr weiter wisst, bekommt ihr bei der Telefonseelsorge – ob per Mail, per Chat, Face-to-Face oder kostenfrei per Telefon unter 0800/111 0 111 · 0800/111 0 222 · 116 123.

 

*zum Schutz der Privatsphäre der Familie, insbesondere der Mutter, haben wir den Namen geändert.

Der Artikel wurde – wie alle unsere Artikel, die einen besonderen fachlichen Hintergrund erfordern – von einer kundigen Person gegengelesen, in diesem Falle von einer Psychologin.

13 Antworten
  1. Anni
    Anni says:

    Danke für diesen Beitrag.
    Du hast meinen größten Respekt für all das was du geleistet hast und noch leisten wird.
    Meine Schwiegermutter ist auch schizophren und durch deinen Beitrag verstehe ich es besser, denn in der Familie meines Mannes wird nicht viel geredet, weder über Vergangenheit noch über das jetzt und hier.
    Danke und alles alles Gute.

    Antworten
  2. Josi
    Josi says:

    Von mir auch großen Respekt und vielen Dank für diesen sehr gut geschriebenen Artikel. Endlich kann ich mich etwas besser in die Situation und Gefühle meines Mannes versetzen, der ebenfalls mit einer schizophrenen Mutter aufgewachsen ist.

    Antworten
    • Tanja Chaos
      Tanja Chaos says:

      Vielen Dank für deinen lieben Kommentar! Darum wollten wir Manuelas Geschichte erzählen – alles Liebe für deinen Mann! Es ist sicher nicht einfach und für Außenstehende sehr schwer zu veestehen. <3

      Antworten
  3. T.
    T. says:

    Ich kAnn mich sehr gut damit identifizieren, auch wenn es bei uns nicht nur eine hülle ist die da ist …
    In der hülle steckt auch immer noch ganz viel papa <3

    Antworten
  4. Leserin
    Leserin says:

    Liebe Manuela,
    auch ich (32 und mittlerweile selbst Mama von 3 Kindern) bin mit einer paranoid-schizophrenen Mutter aufgewachsen und so wie du eure Geschichte beschreibst, finde ich so, so viele Parallelen, dass es beängstigend ist. Auch bei meiner Mutter fing es mit stehlen an. Sie sprach davon, ein Fotomodell von einem entfernten Planeten zu sein und alles Recht dazu zu haben, sich alle Sachen einzustecken und bestellen zu können, die sie haben wolle. Ebenfalls wurde sie vom Teufel verfolgt, den zeitweise auch mein Vater verkörperte. Sie sprach davon, der Teufel wolle sich an ihr vergehen, aber sie könne ihn besiegen, weil sie sich auf ferne Planeten beamen könne, wenn er zuschlage. Einmal hätte sie uns sogar gerettet indem sie mich und sie zusammen weggebeamt hätte, als der Teufel am Bett stand. Da war ich ungefähr im Grundschulalter und habe wahrscheinlich bei ihr im Bett geschlafen (meine Eltern hatten getrennte Schlafzimmer).
    In meinen Grundschuljahren brach die Krankheit richtig aus. Sie verschwand oft tagelang, keiner wusste wo sie ist. Irgendwann sperrte sie sich auf dem Dachboden ein, sie hatte Angst vor meinem Vater, der aber zu diesem Zeitpunkt schon bettlägerig war aufgrund verschiedener Krankheiten. Meine Mutter wurde mehrfach wegen Ladendiebstahl aufgegriffen, zu einer Einweisung in die Pyschiatrie führte letzendlich ihre Nächtigung in einem Bekleidungsgeschäft.
    Dort verbrachte sie einige Monate, haute aber immer wieder ab, setzte die Medikamente ab, da sie krankheitstypisch ebenso keine Einsicht hatte. Ich kam in ein Kinderheim, da sich mein Vater gesundheitlich ebenfalls nicht mehr um mich kümmern konnte. Er war inzwischen ins Krankenhaus eingeliefert worden und ich schwänzte immer wieder die Schule, schon vorher hatte ich nichts mehr anzuziehen, die Wohnung überquoll im Müll. Ich hatte mit meinen 10 Jahren mehrere Valium meines Vaters geschluckt und verbrachte tagelang auf dem Fußboden bis meine Mutter plötzlich wieder kam, sie war abgehauen um nach mir zu sehen. Die Feuerwehr musste die Tür aufbrechen, damit die Sozialarbeiter mich mitnehmen konnten. Meine Mutter wehrte sich mit Händen und Füßen, dass ich mitgenommen werde. Aber ich kam ins Heim, sie zurück.
    Nach einer Weile schien sie auf einem guten Weg und konnte in eine betreute REHA Wohngemeinschaft ziehen, wo sie auch in einer Werkstatt beruflich eingespannt werden konnte. Das reichte ihr nach einer Weile allerdings nicht mehr, sie wollte auf dem 1. Arbeitsmarkt tätig sein und ihr Leben größtenteils selbstständig bewerkstelligen. Mittlerweile war sie in eine kleinere Wohngemeinschaft gezogen, in der der Betreuer nur 1x die Woche vorbeischaute und es schien gut zu laufen. Sie fand eine Teilzeit-Putzstelle. Nun, sagte sie, habe sie ihr Leben auch wieder im Griff, brauche keine Tabletten, die würden sie eh nur dick und müde machen. Auch mir erzählte sie schon immer (und macht sie heute noch), dass das ja einfach nur Schlaftabletten sind, damit sie besser zur Ruhe käme und sie müsse sie eben nehmen, weil ihr Betreuer das so will.
    Naja, damals setzte sie sie einfach ab und es endete dann damit dass sie an der Außenfassade des Bürogebäudes, in dem sie putzte, 5. Stock herumbalancierte. Daraufhin war sie wieder für längere Zeit in der Psychiatrie.. man stellte sie auf andere Medikamente ein. Sie konnte danach wieder in ihre WG ziehen.
    Da die Dauer begrenzt ist, musste sie sich nach einiger Zeit eine eigene Wohnung suchen. In der sie mittlerweile seit über 10 Jahren lebt. Es läuft, sie hat ihr Leben soweit im Griff, kann selbst einkaufen, kochen, ihre Wohnung sauber halten. Ihren gesetzlichen Betreuer wird sie lebenslang haben. Der schaut allerdings nur noch alle 3 Monate vorbei. Ansonsten geht sie zum Neurologen für ihre Tabletten, der auch immer wieder fragt, wie es ihr geht. „Therapie“ anderweitig findet da aber nicht mehr statt.. mit Mitte 50 ist da wohl nichts mehr zu „machen“..
    Mein Verhältnis zu meiner Mutter ist sehr unterkühlt. Auch ihn kann keine wirkliche Liebe zu meiner Mutter empfinden, allerdings denke ich auch, dass das sehr von meiner Kindheit mit ihr geprägt ist. „Anders“ war sie schon immer, ja, aber sie nahm mich auch nie in den Arm.. und immer recht distanziert. Sie „konnte“ es wohl auch aus ihrer Geschichte heraus nicht.. es gab Zeiten in denen ich damit gehadert habe, heute akzeptiere ich es so wie es eben war. Ich merke auch, wie sie über die Jahre immer mehr „Hülle“ wird. Gut kann ich mich an die Zeit erinnern, in der sie noch nichts nahm. Sie war zwar unberechenbar, wild, aber auch lebendig. Heute ist sie ein komplettes Unsicherheitspaket und ich, die selbst nicht sie selbstbewussteste Person ist, erschrecke, welche Unsicherheiten sie vor banalsten Dingen zeigt. Zu meinen Kindern „kann“ sie keine Oma sein, sie sucht zwar den Kontakt und meldet sich an den Geburtstagen und Weihnachten, schickt Pakete, aber irgendwie weiß sie nicht mit ihnen umzugehen. Sie spricht extrem leise und vermeidet nähreren Kontakt. Telefonieren ist schwierig.. nach wenigen Minuten mit einem der Kinder will sie direkt wieder mit mir sprechen, ist es ihr zuviel. Auch wehrt sie sich dagegen, die „Oma“ zu sein, sondern stellt sich den Kindern grundsätzlich mit ihrem Vornamen vor. wir wohnen mehrere hundert Kilometer auseinander, so dass man sich höchstens 1x im Jahr sieht. Ich muss leider sagen, dass mir das schon völlig reicht.
    Ich frage mich oft, welchen Anteil ihre Erkrankung und welchen Anteil die Medikation an ihrem „Verfall“ haben. Sie ist ein völlig anderer Mensch als damals. Isoliert lebt sie ebenso. Sie will aber auch gar keine Freunde oder eine Partnerschaft,ist zufrieden so. Abends geht sie um 18 Uhr ins Bett und steht morgens um 9 auf.Arbeiten möchte sie nicht mehr, es sei zu anstrengend. Zu viele Menschen, wo sie sich einen Schnupfen holen könnte, sagt sie. Erkältet ist sie aber ständig (eine Nebenwirkung der Medikamente). Mich hat das lange Zeit immer wieder sehr mitgenommen, wie sie immer mehr Hülle wird, andererseits gibt es wohl keine andere Wahl. Sicher habe ich schon darüber nachgedacht und darüber gelesen, dass man sie zu einem Schamanen nach Afrika bringen könne. Dass man alles mehr von der spirituellen Seite sehen könne. Wo „Schizophrenie“ an sich keine Krankheit ist. Wo wir Menschen mit all unseren Eigenheiten zusammenleben könnten, jeder jeden akzeptiert, Utopia.. in unserer Gesellschaft leider nicht möglich.
    Auch ich habe sicher meine Wunden aus meiner Kindheit und späteren Jugend gezogen. Nach dem Heim lebte ich in einer Pflegefamilie in der es mir zunächst gut ging, was aber auch nicht lange währte. Ich habe den Hang zu depressiven Verstimmungen und bin sehr schüchtern, was sich aber je älter ich werde, bessert. Meine Kinder haben einen großen Teil dazu beigetragen, selbstbewusster zu werden.. vorallem als Alleinerziehende.
    Wie du schreibst, Manuela, hast du selbst Angst, an Schizophrenie zu erkranken. Lass diese Angst los. Ich glaube nicht nur an genetische Disposition, auch das Umfeld spielt eine große Rolle. Ich bin mir ziemlich sicher, es nicht zu „bekommen“, weil ich im Allgemeinen sehr sehr reflektiert über mein Leben, meine Vergangenheit und mein Jetzt nachdenke. Dabei habe ich sogar “ doppelte“ Wahrscheinlichkeit.. mein Vater (narzisstische Persönlichkeit) hat(te) noch zwei Töchter aus Ehe vor meiner Mutter die ebenfalls beide an paranoider Schizophrenie erkrankten. Er starb in meiner Jugend. Auch zu ihm hatte ich keine enge Bindung.
    Und nun, mit meinen dreien Kindern, da gibt es auch diverse Schwierigkeiten, grade wenn es darum geht, mich zu behaupten und Grenzen aufzuzeigen. Aber es wird besser. Ich kann daran nur wachsen. Und ich nehme sie in den Arm und bin froh, dass DAS mir leicht fällt.
    Vielen, vielen Dank für deinen Artikel, in dem ich mich sehr wieder gefunden habe.

    Antworten
    • Tanja Chaos
      Tanja Chaos says:

      Wow! Liebe Leserin, jetzt habe ich eine Gänsehaut von Kopf bis Fuß und Tränen in den Augen! Danke, dass du das mit uns geteilt hast! Du und Manuela, ihr habt Unglaubliches durchgemacht und es überstanden – ihr seid wahnsinnig starke Frauen. Ich zieh den Hut vor euch! Ich werde Manuela deinen Text weiterleiten. Alles Gute für dich und deine Kinder – und auch deine Mutter!

      Antworten
  5. Jonalu
    Jonalu says:

    Wunderbarer Artikel, vielen Dank für die offenen Worte! Mir selbst hat besonders gutgetan zu lesen, dass man sich auch abgrenzen darf. Den Kontakt abbrechen darf. Genau das habe ich momentan vor (ähnliche Situation, paranoide Mutter, vielleicht ohne Schizophrenie, aber der Wahn ist trotzdem stark und immer da…). Einfach, um selbst zu überleben. Ich kann nicht mehr. Überall wird empfohlen, dass man dem Menschen mit Wahn zuhören soll, es ist eben seine Realität, er kann da nichts dafür. Ich habe so lange zugehört. Aber ich bin doch kein Psychologe. Und vor allem doch auch nur ein Mensch. Nun will sie mich wieder mit hineinziehen in ihren Wahn, ich soll mit ihr zur Polizei gehen, um die „Verbrecher“ anzuzeigen. Da ich solche Situationen (sie, Polizei, arglose „Verbrecher“, dazwischen ich, verstrickt und absolut hilflos) schon hatte und einfach nicht mehr ertragen kann werde ich jetzt den Kontakt abbrechen. Es gibt einfach keine Krankheitseinsicht…
    Und noch ein Gedanke an alle, die ebenso Angst haben zu erkranken: Auch ich habe oft diese Angst. Aber so lange diese Angst da ist und man sich dadurch immer wieder selbst fragt, ob man nicht vielleicht gerade in den Wahn abgleitet ist die Krankheit nicht da. Hinterfragen ist nicht-kranksein, Zweifel ist Nicht-Wahn… Ich wünsch euch allen viel Kraft!

    Antworten
    • Tanja Chaos
      Tanja Chaos says:

      Vielen Dank für deinen Kommentar. Besonders dein Tipp, dass Hinterfragen nicht Krank-sein ist, ist bestimmt beruhigend für viele. Ich wünsche auch dir viel Kraft in deiner Situation!

      Antworten

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