Zwockel – Oder: Die apokalyptischen Wutanfälle eines Anderthalbjährigen

Zwockel Wutanfall

„Ich mache mir Sorgen um dein Kind“, sagte die Nachbarin.

Ich war verletzt. Ich war stinkwütend. Ich war verzweifelt.

Da erzählte mir mein Nachbar letztens, seine Frau mache sich solche Sorgen um unseren Zwockel. Sie habe ihn sogar auf der Arbeit angerufen, um ihm ihr Leid – oder besser das des Zwockels – zu klagen. Das arme Kind. Es schreit quasi ununterbrochen und die böse Mama erst Recht. Ständig ist sie nur am Schimpfen mit dem armen Kind. Das kann ja nicht richtig sein!

Ja. Ich sollte mich freuen, dass andere Leute sich Gedanken machen. Dass meine Kinder ihnen nicht egal sind. Klar. Aber mal ehrlich: Das tut schon weh. Ich war sofort in Rechtfertigungs-Haltung und das lässt mich meistens hilflos und wütend zurück. Da denkt die Nachbarin – ja, was eigentlich? Dass ich mein Kind misshandle?

Was genau ist eigentlich Kindesmisshandlung?

„Kindesmisshandlung ist Gewalt gegen Kinder oder Jugendliche. Es handelt sich um eine besonders schwere Form der Verletzung des Kindeswohls. Unter dem Begriff Kindesmisshandlung werden physische als auch psychische Gewaltakte, sexueller Missbrauch sowie Vernachlässigung zusammengefasst.“ [Wikipedia]

Liest man sich auf Facebook durch das ein oder andere Forum, bekommt man mitunter den Eindruck, dass einfach alles Kindesmisshandlung ist. Ich rede hier nicht von einer Ohrfeige oder einem Klapps auf den Po. In einem Forum las ich letztens eine angeregte Diskussion zum Thema „Regeln“. Dort wurde die These vertreten, dass bereits ein „Nein“ Gewalt am Kind bzw. an dessen freiem Willen sei und zwinge man sein Kind zu etwas, das es nicht tun möchte (z.B. Zähneputzen), komme das einer Vergewaltigung gleich.

Jeder Mensch, der schonmal mit echter Kindesmisshandlung zu tun hatte oder gar Opfer einer solchen war, wird nun wahrscheinlich bestenfalls wild mit den Augen rollen – so auch ich.

Zwockels Phasen

Doch zurück zum Zwockel. Dieser kleine Terrorzwerg hat einen Willen, der ist hart wie Krupp-Stahl. Wenn das Kind etwas will, will es das und nichts anderes. Keine Kompromisse. So ist er schon von Geburt an. Wenn er sich das so behält, wird aus dem später mal was. Mit dem Ehrgeiz, den er an den Tag legt, mit dem eisernen Willen, mit seinem Sturkopf kann er, wenn er nicht auf die schiefe Bahn gerät, Großes erreichen.

Aber oft steht ihm – UNS – dieser Dickkopf auch im Weg. Denn dem kleinen Mann ist es egal, ob es eine der kleinen Regeln, wie beispielsweise „Kein Spielzeug in der Küche!“ ist, oder eine der lebenswichtigen Regeln á la „Steck die Finger nicht in die Steckdose!“ oder „Lauf nicht auf die Straße!“.

Das führt schonmal zu Wutanfällen – auf seiner und meiner Seite. Denn ich bin auch nur ein Mensch, ich habe auch nur ein begrenztes Geduldspotential. Und ja, ich schreie mein Kind auch mal an. Schlagen – niemals, anschreien – leider ja. Das hört sich für die, die draußen vorbeigehen bestimmt schlimm an. Aber die gefühlten 40.000 Mal, die ich mit Engelszungen auf ihn eingeredet, ihm erklärt oder ihn kurz und scharf zurechtgewiesen habe, hat natürlich niemand mitbekommen.

Gründe für einen apokalyptischen Zwokinator-Wutanfall

Und dieses Kind hat Wutanfälle, alter Falter. Das könnt ihr euch kaum vorstellen. Teilweise sind das Gründe, da würde mir absolut jede Mutter zustimmen – und bei denen, bei denen es nicht jede täte: Glaubt mir. Ich habe meine Gründe – nichts ist hier willkürliche oder launen-bedingte Herrschaft.

  1. Zwockel darf nicht in den Handfeger beißen.
  2. Die Glassplitter des soeben von ihm durch die Küche geworfenen Glases darf er nicht anfassen.
  3. Die Windel ist voll und muss gewechselt werden.
  4. Die Zähne werden geputzt. Punkt
  5. Er darf nichts in den Fernseher hauen.
  6. Im Laden wird nicht mit Waren geworfen.
  7. Auch ein Zwockel darf weder Mama noch Bruder mit Schmackes in Bauch oder Rücken beißen.
  8. Er darf nicht an der Gardine schaukeln.
  9. Wir stehen nicht im Einkaufswagen.
    Zwockel am Laptop

    Finger weg von Mamas Laptop. Is klar, ne!?

  10. Herd und Backofen, ebenso Steckdosen und Steckdosenschutz (kann er in Nullkommanix ausbauen) sind nichts für kleine Zwockels.
  11. Mamas Laptop ist tabu.
  12. Das Telefon ebenso. Ich möchte nicht noch einmal der Staatsanwaltschaft erklären müssen, warum von meiner Nummer aus ein Kleinkind anrief und fröhlich „Halllooooooooo! Halloo, Affe?“ in den Hörer rief.
  13. Er darf an einer vielbefahrenen Straße nicht vor die Autos rennen oder sich hinter dem rückwärtsfahrenden DHL-Auto auf die Straße werfen.
  14. Papas Grill wird nicht angefasst, der wird sehr heiß.
  15. Leg das Brotmesser wieder zurück in die Schublade. Und nun steig laaaangsam vom Stuhl. Bitte.

Dies sind nur 15 Gründe für eine zwockelesquen Wutanfall. Und er schreit laut. Man könnte denken, er wird gefoltert. Aber wer ein ähnliches Kleinkind zuhause hat, wird wissen, wovon ich rede. Es ist bewusst ein wenig lustig geschrieben aber in der Zeit war mir nicht zum Lachen zumute. Ich war am Ende meiner Kräfte und keiner meiner Erziehungsratgeber half mir weiter – nicht mal der pädagogisch ausgebildete Ehemann wusste noch Rat.

Die Phase, die unsere Nachbarin ansprach, war wirklich extrem. So schlimm, dass ich ernsthaft mit dem Gedanken spielte, beim Jugendamt um Hilfe zu bitten, denn auch ich ertrug das ständige Gebrüll nicht mehr und war am Ende völlig verunsichert und sicher, die oberallerschlechteste Mutter der Welt zu sein.

Ist es nur eine Phase?

Dann, urplötzlich, war es vorbei. Von heute auf morgen war Zwockel auf einmal deutlich entspannter. Er kuschelte sogar (endlich!) freiwillig und minutenlang – etwas, das von Beginn an nicht in seiner Natur zu liegen schien. Und: Er begann zu kommunizieren. Zwockels Sprache entwickelt sich seit gut drei Wochen rasant – er kann klar zeigen, was er genau will und er versteht auch deutlich mehr als zuvor. Unsere Kommunikation verbessert sich von Tag zu Tag.

Heute musste ich nur einmal schimpfen, als er dem Bruder ein Spielzeugauto auf die Rübe kloppte.

Ich glaube, es war wirklich nur eine Phase!

Gottseidank.

4 Antworten
  1. Baustellenmädchen
    Baustellenmädchen says:

    Warum darf man nicht an der Gardine schaukeln… :-D??!!
    Ich bestätigte hiermit, Zwockel ist auch der dickste Dickkopf den ich kenne.
    Er wird den Kindergarten ordentlich aufmischen…

    Antworten
  2. Mindfire
    Mindfire says:

    Das kommt mir so verdammt bekannt vor. Unser Terrorzwerg ist auch schon immer ziemlich dickköpfig, jetzt mit 2 Jahren und 2 Monaten ist noch lange kein Ende des gebrülls in sicht. Zwischenzeitlich immer mal etwas besser, aber meistens wird wegen jeder, aber auch wirklich jeder Kleinigkeit gebrüllt, obwohl er sich mittlerweile super mitteilen kann. Ich kann nachfühlen wie es dir ging. Hoffe unsere neuen Nachbarn sind verständnisvoll, denn seit unserem Umzug zeigt er sich von seiner „besten“ Seite.

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